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Eine Klasse – viele Entwicklungsmöglichkeiten

| 21.01.2015Kommentare deaktiviert Interessantes, Klasse

Jeder Mensch, jedes Lebewesen, jedes Individuum ist unterschiedlich. Da gibt es Differenzen im Aussehen, in der Art und Weise des Sprechens, der Körperhaltung, im Charakter oder allgemein in der Lebens- und Denkweise. Niemand ist identisch. Man sagt, dass es auf der Welt keinen Menschen gibt, der genauso ist wie du. Vielleicht ähnelt dir einer, aber dass alles gleich ist,  ist eigentlich total unmöglich.

Abgesehen davon, dass wir alle Menschen sind und Luft, Essen und Trinken zum Überleben brauchen, gibt es natürlich noch viele weitere Gemeinsamkeiten. Aber jedes Individuum hat mindestens einen Unterschied: Seine Gedanken. Ähnlichkeiten hin oder her, doch Gedanken sind und bleiben einzigartig.
Etwas weiteres, worin man sich eher nicht ähneln kann, ist die individuelle Entwicklung. Jedes Individuum entwickelt sich unterschiedlich schnell und auf andere Art und Weise.
Doch kann man die Entwicklung einer Person beobachten? Die Entwicklung einer Person kann man nur genau verfolgen, indem man die Person oft sieht. Natürlich bemerkt man die Veränderung auch, wenn man ihn eine längere Zeit nicht gesehen hat, doch die Entwicklung bliebe verborgen. Ist aber nicht die Entwicklung einer Person das Interessante? Der Mensch wächst in seiner Entwicklung und nicht durch seine Veränderungen. Die Veränderungen sind nur ein Teil der Entwicklung, doch sagen sie wenig  über eine Persönlichkeit aus.
Viele Individuen, die jeden Tag zusammen sind, wie zum Beispiel in einer Klasse, und die dich jeden Tag mindestens vier Jahre lang sehen, müssten diese Entwicklung doch am besten mitkriegen, oder nicht?
Unsere Klasse ist jetzt schon das sechste Jahr zusammen. Miteinander haben wir so einiges erlebt. Ausflüge über Ausflüge, Klassenfahrten, Projekte und allgemein jeden unserer vielen Schultage. Miteinander und aneinander haben wir jede gute und schlechte Phasen erlebt. Gute Noten, schlechte Noten, Ungerechtigkeiten oder Streitereien untereinander. In dieser Zeit sind wir gute Freunde, man kann fast sagen, so etwas wie eine Familie geworden. Innerhalb unserer Klasse haben wir uns verändert. Wir haben unsere Veränderungen zur Kenntnis genommen, egal ob wir anfangs damit zurecht kamen oder nicht.
Eine große Gemeinschaft, auch eine Klasse, hat großen Einfluss auf ein Individuum. Positiv oder negativ. Mit Sicherheit hätte sich jeder in unserer Klasse anders entwickelt, wäre er in einer anderen Klasse, einer anderen Stadt oder gar in einem anderen Land groß geworden. Die Gesellschaft und die Lebensverhältnisse machen viel in der Entwicklung aus.
Mehrere Individuen in der Klasse können alle anderen zum Beispiel dazu bringen, eine Person aus der Klasse zu ignorieren, zu beleidigen oder sogar zu mobben und das nur, weil sie sie nicht leiden können, was manchmal auch in den besten Klassen vorkommt. Aber eine Klasse hat natürlich auch guten Einfluss auf jeden einzelnen. Hat jemand mal schlechte Laune, ist die Klasse da, um dich aufzumuntern oder um dir auch Ratschläge zu geben, eben so wie eine Familie es tun würde.

Meiner Meinung nach ist es total unmöglich, dass sich Menschen komplett ähneln, da alleine die Entwicklung schon bei allen anders ist. Doch das ist  nicht wichtig. Jedes Individuum gibt es nur einmal auf der Welt und das ist auch gut so. Man muss sich nicht ähneln, um sich zu verstehen. Wenn es Menschen gibt oder man sogar Freunde hat, die einen unterstützen, kann man sich glücklich schätzen.

Behindert sein, behindert werden

| 20.01.20151 Kommentar » Interessantes, Klasse

In Deutschland leben rund 13 Millionen Menschen mit Behinderung, doch der  öffentliche Raum ist längst noch nicht behindertengerecht genug. Fahrstühle, behindertengerechte Zugänge zu Restaurants und Supermärkten fehlen an allen Ecken und Enden.

Der Begriff  “behindert” kann verschieden verstanden werden. Raul Aguayo-Krauthausen stellt sich selbst immer wieder die folgende Frage: „Ist das betroffene Individuum behindert oder wird es von seinem Umfeld behindert?”

Raul Krauthausen, der bereits eine Biografie über sein Leben geschrieben hat, musste desöfteren die Erfahrung machen, dass Treppen ihm den Weg versperren. [„Die Schritte wurden schneller, und ich hatte das Gefühl, dass mir das Wasser bis zum Hals steht. Vor allem schämte ich mich, dass die Gruppe wegen mir so viele Hindernisse zu überwältigen hatte.“] (Biografie: Dachdecker wollte ich eh nicht werden, Raul Aguayo-Krauthausen, S. 31 Z. 3-6) Darum entwickelte er mit seinem selbstgegründeten gemeinnützigen Verein Sozialhelden im Jahr 2010 im Rahmen eines Projektes eine Internetseite, auf der Menschen mit Behinderungen sich einen Überblick über  behindertengerechte Orte verschaffen können (wheelmap.org).

Auch sonst ist das Thema Behinderung in der deutschen Gesellschaft ein Problemthema. Viele Frauen denken über eine Abtreibung nach, wenn festgestellt wird, dass das zu erwartende Kind möglicherweise mit einer Behinderung geboren werden könnte. Wie DIE ZEIT bereits treffend zu diesem Thema fragte: „Warum haben wir so große Angst vor behinderten Menschen?“

Wir haben oft Angst vor Dingen, Situationen und Menschen, über die wir nichts oder kaum etwas wissen. Viele Erwachsene klären ihre Kinder nicht darüber auf, dass es auch Menschen gibt, die durch Unfälle oder angeborene Behinderung  in ihrem Leben eingeschränkt sind. Kleine Kinder sind oft neugierig, zeigen auf behinderte Menschen und fragen ihre Eltern, was mit diesen ist. Auch Raul Krauthausen kennt viele solcher Situationen. Ihm sind diese Fragen aber nicht unangenehm, denn er weiß, dass so etwas den Kindern oft unbekannt  und neu ist. Er findet es eher schade, wenn die Erwachsenen die Kinder dann einfach wegziehen und sie nicht aufklären.

Jugendliche machen sich manchmal auch lustig über eingeschränkte Personen. Sätze wie „Bist du behindert!”, was so viel bedeutet wie „Bist du nicht ganz bei Sinnen?“, werden oft im Alltag benutzt ohne den verletzlichen Hintergrund zu beachten.  Darum ist es wichtig, dass Menschen wie Raul Krauthausen Schulen und andere Jugendeinrichtungen besuchen, um über ihr Leben mit einer Behinderung zu reden. In vielen Schulen werden Klassen mit Kindern mit und ohne Behinderung gebildet, um behinderte Kinder besser in die Gesellschaft zu integrieren. Raul Krauthausen hat damit ebenfalls Erfahrungen gemacht und schreibt darüber in seinem Buch: [„Unsere Gruppe setzte sich zusammen aus zwölf Mädchen und Jungen ohne Behinderung sowie aus drei Kindern mit Behinderung. Ich war der einzige im Rollstuhl, die beiden anderen waren lernbehindert.”] (Biografie: Dachdecker wollte ich eh nicht werden, Raul Aguayo-Krauthausen, S. 41 Z. 1-4).

Auch wenn Menschen wie Raul Krauthausen in der deutschen Bevölkerung eine Minderheit darstellen, sollten sich die Politiker und die übrige Bevölkerung mehr Gedanken darüber machen, wie man Behinderte besser in die Gesellschaft integrieren kann und wie am besten und gemeinsam mit den Betroffenen Möglichkeiten geschaffen werden, wirklich ALLE Türen passieren zu können.

Was ist schon “normal”?

| 19.01.20151 Kommentar » Klasse

Im April letzten Jahres besuchte Raul Krauthausen unsere Klasse zu einem Gespräch. Er stellte dabei auch seine Autobiografie vor, die den Titel trägt “Dachdecker wollte ich eh nicht werden”. Sein Besuch bei uns hat zum Nachdenken angeregt:

Raul Krauthausen ist “anders, aber beim Anderssein steht Humorvoll”, wie er selbst über sich sagt. Er ist 31 Jahre alt, hat Gesellschaft-und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste studiert und nebenbei noch jahrelang in Werbeagenturen gearbeitet. Nachdem er vier Jahre bei Radio Fritz war, hat er sich mit seinem Verein Sozialhelden e.v. selbstständig gemacht.
Raul Krauthausen hat Osteogenesis Imperfecta oder auch Glasknochenkrankheit. Glasknochenkrankheit bedeutet, dass alle Knochen sehr schnell brechen, genau so wie Glas bricht. Doch diese Krankheit motiviert ihn auch, motiviert ihn dazu, weltoffener zu sein.
“Es ist aber nicht immer scheiße. Man fällt auf”, sagt er dazu. Busfahren kann er umsonst, es gibt eine günstigere Bahncard und eine zweite Person kann er auf Inlandflügen gratis mitnehmen.

Der Alltag von behinderten Menschen ist anders. Aber anders bedeutet nicht immer sofort, dass alles schlechter ist. Gehörlose Menschen können zum Beispiel über Menschen direkt vor deren Augen lästern, ohne dass diese es verstehen und sie können sich viel schneller mit Menschen aus anderen Ländern unterhalten, da einige Zeichen gleich sind. Oder Menschen mit Downsyndrom bringen durch ihre Ehrlichkeit und Offenheit schnell andere Menschen dazu, sie ins Herz zu schließen.
In der Badmintonmannschaft meiner Mutter ist ein einarmiger Mann der Teamkapitän und das, weil er einfach am besten ist. Evan, ein Freund, ist jetzt 16, aber geistig wird er immer auf der Stufe eines Siebenjährigen bleiben. Er kann nicht sprechen, aber sich mit Gestik und Mimik erfolgreich durchsetzten. Evan ist einer der glücklichsten Menschen, die ich kenne. Diese Fröhlichkeit gibt er jedem Menschen mit, der das zulässt. Und wenn mal sein Bus ausfällt, weiß er sich auch zu helfen.

Es gibt immer mehr YouTube-Videos, in denen körperlich beeinträchtigte Menschen zeigen, wie sie Alltagsdinge händeln. Schreibt dann mal jemand etwas über Krüppel in die Kommentare, so wird derjenige gleich von allen runtergemacht. Die Welt ist viel offener gegenüber Menschen mit Behinderungen geworden, und doch werden gleichzeitig auch immer mehr Schwangerschaften abgebrochen, wenn die Gefahr besteht, das Baby könnte mit einer Behinderung geboren werden.

Eltern wollen eben “normale” Kinder und keine, die sie auf besondere Schulen schicken und für die sie ihr ganzes Haus umbauen müssten. Ich denke, “normal” ist ein sehr dehnbarer Begriff. Für jeden gibt es eine andere Definition und für jeden sind andere Dinge gewöhnlich. Und ich finde, das ist auch gut so. Sonst wäre die Welt für jeden gleich, also nicht so vielfältig.

Freihändig

| 07.01.2015Kommentare deaktiviert Kreatives Schreiben

Der Wind in meinen offenen Haaren
flüstert mir zu
verführend
verlockend
versucht er
mich zu überzeugen
und die Versuchung ist zu überzeugend
als dass ich sie einfach kentern lassen könnte.
Sein Flüstern hallt in meinen Ohren
wieder
als befänden wir uns in einem Spiegelzimmer,
in dem die Gedanken sich mit dem Handeln spiegeln
und wir uns nicht mehr sicher sind, was genau unser Spiegelbild an Wahrheit spricht.
Realität und Wirklichkeit
trennen sich
nicht mehr voneinander.
Meine Fingerspitzen kitzeln,
Adrenalin lodert
flammend
gefährlich
lauert es mir auf.
Langsam, zögernd
hebe ich die Arme.
Mein Herz schlägt hastig, stolpernd doch immer im Gleichschritt
in jedem Moment kann es passieren,
dass
das Gewicht kippt
der Sinn sich nicht mehr gleicht
der Spiegel in tausend Stücke zerspringt
oder der Himmel uns auf den Kopf fällt.
Doch nein,
so ist es nicht,
nicht heute,
vielleicht gestern und vielleicht auch morgen,
doch nicht jetzt,
denn nun fliege ich
vogelfrei über die Straße
und in diesem einen kurzen Moment spüre ich es
ich spüre so viel, so unendlich viel,
wenn durch meine Adern ein Gefühl des puren Glücks zuckt,
rasend schnell
durch diesen kurzen Moment
in dieser kurzen Ewigkeit
fliege ich freihändig.

Einigkeit und Recht und Freiheit

| 01.01.2015Kommentare deaktiviert Klasse

Wir leben in einer Zeit, in der die Ökonomisierung auf alle Lebensbereiche ausgedehnt ist. Materieller Profit hat Priorität gegenüber der Würde und der Menschlichkeit. Der Mensch als solcher verliert an Wertschätzung und ist oft lediglich ein Bruchteil eines Zahlenwertes. Diese Erniedrigung wird dem Individuum zum Verhängnis und steigert den Druck, der auf ihm lastet.

Der Staat muss seinen Bürgern Schutz und eine vernünftige Lebensgrundlage auf Basis der Verfassung gewährleisten. Der Bürger hingegen hat die Pflicht der Verfassung zu gehorchen. Gerät die Erfüllung von Pflichten und die Gewährleistung von Rechten im Verhältnis zwischen Bürger und Staat aus dem Gleichgewicht, so ist auch das Machtverhältnis gekippt. Gegenwärtig gewinnt die Wirtschaft an Überlegenheit.

Mit dem Blick auf die vergangene Geschichte der menschlichen Rasse wird diese hauptsächlich durch Inakzeptanz von Gleichheit und Gleichberechtigung innerhalb unserer Spezies geprägt.

Doch hat der moderne Mensch des 21. Jahrhunderts aus der Geschichte gelernt?

Wir haben lediglich die Probleme erfasst, dennoch meist nicht gezielt gegen sie angekämpft. Kriege werden immer noch geführt, Menschen mit unterschiedlichem Geschlecht, individueller Denkweise und Aussehen und sozialer Herkunft sind immer noch nicht gleichberechtigt. Nicht jeder Mensch hat eine Stimme, die zählt. Einerseits ist es die Politikverdrossenheit, die innerhalb der Gesellschaft zunimmt, andererseits die unabhängige Entscheidungsfreiheit der Politiker, welche diese Stimme unterdrücken.

Ländergrenzen legen der Macht der drei Staatsgewalten ihre Ketten an. Doch reißen sich die Staatsgewalten los, fängt das Chaos an. Der Hunger nach mehr Macht und Ausdehnung zieht eine Anhäufung von grenzenlosen Krisen als bedenkliche Folge mit sich. Mit dieser ausgeblendeten Gefahr folgen weitere Staaten, um ihren unaufhörlichen Hunger zu stillen. Der Staat stillt sein Verlangen, wie die Mutter ihr Kind. Die Gesellschaft stellt sich als Kind dar und ihre Individuen als Organe. Damit Organe effizient funktionieren können, müssen sie stärker werden, wie die Individuen von der Geburt an. Das Leben ist ein Strang mit zwei Enden, mit der Geburt an dem einen, dem Tod an dem anderen. Zwischen ihnen herrscht eine Spannung, die Fülle des Lebens. Diese ist dem vom sozialen Umfeld beeinflussten Individuum überlassen. Wider unseres besseren Willen beinhaltet das Leben Gefahren, Komplikationen und negativ besetzte Erkenntnisse und Erfahrungen. Eine der maßgeblich lebensprägenden Schwierigkeiten ist das Erwachsenwerden.

Der im Jahr 2013 erschienene zeitgenössische Roman “Tigermilch”, verfasst von Stefanie de Velasco, greift diesen Schwerpunkt jugendbezogen auf.

Zum Erwachsenwerden gehören neben dem rein biologischen Prozess und der individuellen Reifung eine Menge ausschlaggebender Faktoren. Dieser gesamte Vorgang ist so individuell wie der Mensch selbst. Es gibt für das Erwachsenwerden kein Rezept. Der Mensch ist der souveräne unerfahrene Koch seiner Kreation, dem eigenen Leben. Manchmal ist es eine Zutat, die maßgebend für den entscheidenden Endgeschmack  ist. Diese Komponente kann auch eine Person sein. Diese zwei Personen, die Ich-Person als Koch und der Mitmensch als Komponente, entwickeln eine Symbiose mit engem stabilem Zusammenhalt. Der eine Organismus kann ohne den anderen lediglich eingeschränkt funktionieren.

Im Roman „Tigermilch“ sind es die beiden Protagonistinnen, Nini und Jameelah, die diese Symbiose bilden. Ihr gemeinsames Ziel ist das Erwachsenwerden über die Ferien hinweg. Dieser Vorsatz bringt mehr Rechte sowie Pflichten mit sich. Auf dem Weg des Erwachsenwerdens sammelt der Mensch Erfahrungen, macht Fehler und bemüht sich aus ihnen zu lernen. Fehler haften nicht nur an dem Verursacher, sondern haben auch Effekte auf sein Umfeld inklusive Mitmenschen. Deren Aufgabe innerhalb der Gesellschaft ist es zu vergeben. Sie selbst sind nicht perfekt und werden es nie sein. Die Fähigkeit zur Vergebung zeigt hingegen Reife und ist wichtiger Bestandteil des Erwachsenseins. Sobald ein Mensch anfängt, die Vergangenheit zu akzeptieren und zu vergeben, fängt er an in einen Spiegel zu schauen und die eigenen Makel zu erfassen. Er sieht niemals erneut das Ebenbild vom Blick zuvor. Seine Entwicklung befindet sich im ständigen Wandel. Der Mensch altert nicht, er reift. Wie eine Blume oder Frucht, die im Frühling in voller Pracht blüht, ist die Jugend des Menschen fruchtbarste Zeit. Er wird belastbarer, aufnahmefreudiger und mutiger in allen Lebenssituationen. Doch wenn der Winter kommt, ändern sich die Konditionen. Der Organismus schwächelt und droht zu sterben. Der Tod ist nicht maskiert und zeigt keine Scheu. Auch Nini und Jameelah sind ihm begegnet und haben ihn erfahren müssen. Erst als Zeugen eines Mordes, dann an sich selbst in Form der Abschiebung. Jameelah und ihre Mutter sind gebürtige Irakis – Flüchtlinge, die nun abgeschoben werden. Diese Entscheidung der Staatsgewalten bedeutet den Tod einer einst widerstandsfähigen Beziehung.

Unsere Taten sind wie Fingerabdrücke in der Geschichte der menschlichen Rasse. Jeder Fingerabdruck ist einzigartig und trägt das Leben des Individuums mit sich.

Ein Leben in Freiheit und Brüderlichkeit wird dem deutschen Bürger durch die Deutsche Verfassung gesichert.

Freiheit ist die Verantwortung sich frei zu entfalten ohne Mitmenschen bei ihrer individuellen Arbeit an der Selbsterkenntnis zu behindern.

Freiheit auszukosten heißt nicht, sie missbrauchen zu müssen. Sie ist eher eine Prüfung unserer eigenen Menschlichkeit. Die Humanität anderen Personen gegenüber verliert an Hingabe. Es sind wir Menschen selbst, die mit unseren Grenzen der Freiheit experimentieren.

Wir dürfen nicht vergessen: Was wir durch unsere eigenen Hände erschaffen, können wir selbst auch zu Grunde richten.

Die Schönheit im Hässlichen

| 30.12.2014Kommentare deaktiviert Ausflüge, Klasse, Veranstaltungen

Schönheit ist eine Lüge. Schönheit ist das Los an der Losbude auf dem Rummel, das uns nicht wirklich befriedigt. Der runde Platz, der noch am Morgen friedlich und frisch, mit Tau und Morgenlicht bedeckt war, ist nun rappelvoll. Menschengesichter und Gesten verschwimmen ineinander. Wie ein Strom zieht alles vorüber. Wörter, Sätze, Fetzen einer Unterhaltung bilden eine summende Geräuschkulisse. Jeder will den besten Platz ergattern, das Los mit dem höchsten Gewinn ziehen. Was ist schöner? Eine banale Frage, die oberflächlicher nicht sein könnte. Schönheit hat keinen Maßstab. Schönheit lässt sich nicht zählen. Die Natürlichkeit und Reinheit des morgendlichen Platzes lässt sich beispielsweise nicht mit dem Bild eines schnauzbertigen Mannes, dem Senf von den Mundwinkeln tropft, weil er in großer Eile seinen Hot-Dog verschlingt um sich an der nächst besten Achterbahnschlange anzustellen, vergleichen. Alles lässt sich bearbeiten. Schwarz-weiß, Sepia, verschwommen, verpixelt, Farben zum Leuchten bringen, die Perspektiven wechseln, den Fokus lenken. Wir können allem eine gewisse Ästhetik verleihen. Das Schöne am Hässlichen in den Vordergrund schieben.

Das Theater an der Parkaue ist dafür bekannt, ungewöhnliches, oft provozierendes Theater auf die Bühne zu bringen.Die Schauspieler erschaffen Bühnenerlebnisse, die im ersten Moment unverständlich oder unvernünftig erscheinen. Sie provozieren, indem sie dem traditionellen Theater provokant eine neue Ästhetik verleihen.
Wie ein altmodisches, traditionell eingerichtetes Wohnzimmer, indem eine schlabbernde Bulldogge mit hängender Zunge auf dem so gut gepflegten Sofa sitzt.
Ganz neu im Programm des Theater an der Parkaue ist die Inszenierung “Tigermilch”, welche auf dem Roman von Stefanie De Velasco basiert. Darin geht es um die zwei Mädchen Nini und Jameelah aus Berlin. Zwei Freundinnen, beide 14 Jahre alt, die sich ohne Rücksicht auf sich selbst und ohne Scheu vor Peinlichkeit in das Leben stürzen, die alles tun, was ihnen in den Kopf kommt und die dabei keine Gedanken an Vernunft, Regeln und Gesetze vergeuden. Es scheint, als wären sie jeden Tag unterwegs. Unterwegs in Gegenden, in denen besorgte Erwachsene junge Mädchen nicht erwarten möchten.

Heimat und Immigration, Liebe, Sex und Prostitution, Drogen, doch vor allem Familie und Freundschaft, Wahrheit und Betrug sind Themen, die in diesem eigentlich nicht besonders langen Roman stecken. Themen, die dem Leser nicht befremdlich oder unbekannt sind. Themen, die zwar nicht unbedingt direkt Teil unseres eigenen Alltags sind, doch uns trotzdem wie Schatten verfolgen.
Mit fünf Schauspielern und  minimalistischem Bühnenbild samt Requisiten bringt das Theater an der Parkaue diese Geschichte zweier Mädchen, beste Freundinnen, die es kaum erwarten können erwachsen genug zu sein um selbstständig zu entscheiden, auf die Bühne. Obwohl die Schauspieler bereits erwachsen sind, spielen sie die Teenager wahrhaftig und glaubwürdig.
Dass manche Schauspieler von Charakter zu Charakter wechseln, stört den Zuschauer, dem die Geschichte bekannt ist, nicht groß.
Der manchmal abrupte Szenenwechsel symbolisiert den Alltag der beiden Mädchen, welcher immer wieder andere Facetten und Perspektiven aufzeigt, die sie selbst so nicht erwartet hätten.
Die Requisite und das Bühnenbild bringen den Zuschauer dazu, selbst zu interpretieren, zu assoziieren.
Sind die zerplatzenden Luftballons vielleicht die geplatzten Träume, die nun nicht in Erfüllung gehen? Und steht das Graffiti-Bild der Figur Anna-Lena  für die Oberflächlichkeit, die Plattheit ihres Charakters?.
Die durch simple Methoden veränderten Bühnenbilder tragen dazu bei, unausgesprochene Gedanken zu verdeutlichen. Trotzdem fehlt in einigen Szenen die eigene Interpretation des Theaters. In der ersten Szene werden einfach mal ganze Textpassagen aus dem Buch vorgelesen.
Die Inszenierung folgt zwar dem Buch, doch wieder einmal entstand hier ein Theaterstück, welches durch neue, ungewöhnliche Aspekte und Sichtweisen in Erinnerung bleiben wird.

Für jeden definiert sich Schönheit in etwas anderem. Schönheit muss nicht aufgedonnert sein, nicht zur Schau gestellt werden und vor allem keine aufgesetzte Lüge beinhalten. Alles ist ständig und ununterbrochen im Wandel. Etwas nicht Wandelbares, Endgültiges gibt es nicht. Man kann die Dinge immer neu interpretieren, immer neue Perspektiven einnehmen, sich auf neuen Wegen einer Sache nähern. Wann Schönheit endet und Hässlichkeit beginnt, kann man nicht sagen. Doch auch wenn wir keine Regeln und Grenzen dafür aufgestellt haben, gibt es diese unausgesprochene Schönheit, die wir, ohne es gesagt bekommen zu haben, erkennen, spüren und erahnen.
Aus den hässlichen Dingen etwas Schönes zu machen. Den hässlichen Teil von etwas Schönem zu erkennen. Den hässlichen Teil von etwas, das so vollkommen wirkt, zu erfassen, darin liegt die Ästhetik. Denn etwas vollkommen Schönes existiert nicht, allein schon weil jeder dahinter letztendlich etwas anderes sieht. Aber auch, weil die Vielfältigkeit grenzenlos ist.

Der Mensch – Ein Wesen der Unvollkommenheit

| 29.12.2014Kommentare deaktiviert Klasse

Wenn mit dem Tod alles endet, was war dann das Leben wert?
Keine Antwort, keine Wahrheit.

Jemand. In der Finsternis. Kein Geräusch dringt an seine Ohren. Augen, Hände, Sinne. Nutzlos. Orientierungslos. Haltlos. Alleingelassen mit seinen Gedanken. Doch diese sind ohne Struktur, noch nicht entworren. Es fehlt die Erfahrung. Einzig das Wissen um seine Unwissenheit hält ihn zusammen.Das Bedürfnis zu verstehen, in Anbetracht der eigenen Nichtigkeit.

Dieser Jemand, das bin ich. Das bist auch du. Das sind auch Nini und Jameelah, die beiden Romanfiguren aus Tigermilch von Stefanie de Velasco. Dieser Jemand, das sind wir alle irgendwie. Er verkörpert den Menschen an seinem wundesten Punkt. Der Unwissenheit.
Wir wissen nicht. Das, denken wir, macht uns verwundbar. Deshalb sind wir anfällig für primitive Wahrheiten, an denen wir uns festhalten können, die uns unser Weltbild vereinfachen. Ein Weltbild, aufgebaut aus der Angst heraus, den Halt zu verlieren. Sogar für Lügen, wenn sie in der Lage sind uns glauben zu machen, diese menschliche Unwissenheit existierte nicht.
Für Nini und Jameelah ist ein solcher Halt die Vorstellung vom Erwachsenwerden. Es ist gewissermaßen ihre Wahrheit. Die Überzeugung, dass, wenn wir erst erwachsen sind, alles anders, wenn nicht gar besser wird. Sie sind nicht in der Lage ihre Gegenwart zu schätzen, sie projizieren ihr Glück in die Zukunft, machen es abhängig von einem Zustand, der so nicht existiert. Selbstverständlich besteht der sogenannte Zustand der Maturität, doch der Begriff des Erwachsenwerdens, von der Gesellschaft als solcher geprägt, ist nur präsent in den Köpfen der Individuen.
Dieser kann im Grunde schon im Kopf eines Kindes seine Bedeutung entfalten, genauso wie er von Erwachsenen verdrängt werden kann.

Nini und Jameelah befinden sich in einem Lernprozess. Das wird deutlich sowohl im Buch als auch in der gleichnamigen Bühnenfassung. Es ist ein Prozess des Sich-selbst-Erkennens, des Verstehens ihrer Überzeugungen, ihrer inneren Einstellung. Und mit jedem Schritt hin auf das von ihnen deklarierte “Erwachsensein” verliert dieses als Ziel an Wert.
Wir als Menschen brauchen Erfahrungen, an denen wir wachsen können, an denen wir uns im Laufe des Lebens entlanghangeln können. Man könnte behaupten, dass man durch diese Erfahrungen an innerer Reife gewinnt und somit der Vorstellung des Erwachsenseins näher kommt.
Für Nini und Jameelah war solch ein Erfahrung der Mord an Jasna, dessen Augenzeugen sie wurden.  Es ist der Umgang mit diesem Verbrechen, der ihre innere Einstellung ausmacht und der  letztlich auch die Freundschaft der beiden auf die Probe stellt. Es verdeutlicht, wie stark die Moralvorstellungen und unser privater Hintergrund voneinander abhängen.
Mit der Gefahr der Abschiebung im Hinterkopf glaubt Jameelah,  es sich nicht leisten zu können, als Zeugin eines Mordes auszusagen. Sie hat Angst, dass diese Verbindung mit einer Straftat, egal ob negativ oder positiv behaftet, in den Akten zu ihrem Nachteil ausgelegt werden könnte.  Selbstverständlich weiß sie, dass das Verschweigen ihres Wissens, was in diesem Fall richtungsentscheidend gewesen wäre, nicht den anerkannten moralischen Werten der Gesellschaft entspricht, doch muss sie diesen Fakt verdrängen, um ihrer eigenen Sicherheit willen. Aufgrund ihres privaten Hintergrundes rücken Moralvorstellungen in den Hintergrund. Nini befindet sich nicht in einer solch prekären Situation, kann auch die Angst ihrer Freundin nur bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen, denn sie ist ja nicht direkt betroffen. Es lässt sich wesentlich einfacher handeln, wenn die möglichen Folgen nicht auf einem selbst lasten.
Jameelahs Verhalten ist nachvollziehbar und man kann sie nicht dafür verurteilen, denn Egoismus war lange Zeit überlebenswichtig für den Menschen und ist es im Grunde auch heute noch, auch wenn manche behaupten mit Selbstlosigkeit allein sei in unserer Gesellschaft Gewinn zu machen. So funktioniert der Mensch aber nicht. Als vor Millionen von Jahren die ersten Menschen sich entwickelten, wäre Selbstlosigkeit ihr Tod gewesen. Natürlich haben wir uns seitdem weiter entwickelt. Körperlich genauso wie geistig. Um Längen.  Doch im Notfall rettet der Durchschnittsmensch eben doch immer noch sich selbst, bevor er einen Gedanken an andere verschwendet.
Und deshalb ist der Fehler nicht in Jameelahs Verhalten zu suchen, sondern im Urprung, dem Grund dafür. Wie kann es dazu kommen, dass ein Mensch in einem so hoch entwickelten Land wie Deutschland es ist, sich nicht traut, bei der Aufklärung eines Mordes zu helfen, aus Angst aus diesem Land verjagt zu werden?
Es ist der Umgang mit anderen Menschen, der verdeutlicht, auf welcher Stufe der geistigen Entwicklung wir stehen. Wie schon Mahatma Gandhi sagte: “Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt.”
Wenn aber die Behandlung der Menschen in einigen Fällen schlimmer ist als die der Tiere, dann sollte dies tatsächlich zu denken geben.
Ein Blick auf die Asylpolitik einiger westlicher Länder macht eigentlich jeden weiteren Kommentar überflüssig. Es kann aber dennoch nicht schaden, hier einige Beispiele anzubringen.
In Deutschland gab es laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 116.659 Erstanträge auf Asyl zwischen Januar und September 2014. Das zieht aber keineswegs die Aufnahme dieser Flüchtlinge nach sich. Wie Zeit Online berichtete, wurden im letzten Jahr mehr als zwei Drittel der Asylanträge abgelehnt, wobei ein Drittel angeblich gar nicht erst inhaltlich geprüft worden sei, so Pro-Asyl.
Im Gegensatz dazu stehen Entwicklungsländer wie Pakistan oder Iran, die mit Aufnahmezahlen von um die eine Million an der Spitze des Rankings stehen. Länder, die selbst kaum etwas haben, wohlgemerkt.
Unsere Verfassung besagt, dass die Würde des Menschen unantastbar sei. Wenn wir den Menschen seiner Würde berauben, nehmen wir ihm auch unsere Anererkennung als Mensch. Und wie kann bei einer solchen Behandlung von Flüchtlingen wie sie hier in Deutschland momentan vorzufinden ist, wo Menschen wie Vieh behandelt werden, wo unbegründete Geldangst und Ausländerfeindlichkeit mehr zählt als das Überleben eines Menschen, von Würde und Respekt überhaupt die Rede sein?
Wir machen unsere Verfassung lächerlich, indem wir sie mit Füßen treten. Wir bestimmen, wann und wo und vor allem bei wem sie gilt. Wir nehmen ihr den Wert und somit auch unserer Gesellschaft, die auf einem System aufbaut, dass scheinbar viel zu willkürlich gehandhabt wird.
Wenn der Mensch die Menschlichkeit verliert, das Mitgefühl, die Moral, die für so eine Gesellschaft eine Grundfeste ist, was kommt dann als nächstes?

Was also sollen wir unternehmen?
Im Grunde können wir nur das tun, was wir selbst für richtig erachten und was niemandem Schaden zufügt. Denn wir wissen nicht, was richtig, und was falsch ist. Wir können nur mutmaßen und neue Erkenntnisse gewinnen, weiterforschen und erfahren, doch die große Wahrheit werden wir nie kennenlernen. Mit den begrenzten Mitteln, die uns als Menschen zur Verfügung stehen, werden wir nie alles begreifen können. Für das Universum sind wir nur eine weitere unbedeutende Spezies, die sich für den Herrscher über alles hält. In circa 5 Milliarden Jahren wird dieser Planet, auf dem wir leben, nicht mehr existieren. Und es wird niemanden geben, der sagen kann, was wir doch als Menschheit alles erreicht haben. Ob es nun der Weltfrieden sei oder ob wir eine Eins in einer Arbeit geschrieben haben. Es ist nicht von Bedeutung für die Entwicklung des Universums. Oder zumindest nur in einem so geringen Ausmaß, dass es keine weiteren Auswirkungen hat.
Und wenn nun mit dem Tod also all das endet, was war denn dann das Leben wert?
Die Antwort darauf ist ganz einfach: Es ist exakt so viel wert, so viel du ihm beimisst!

Irrwege in die vermeintliche Freiheit

| 25.12.20141 Kommentar » Klasse

Der Roman “Tigermilch”, geschrieben von Stefanie de Velasco, behandelt eine Vielzahl von Themen. Es geht um das Erwachsenwerden, um Selbstständigkeit, um Familie und Heimat.

Nini und Jameelah, die beiden Hauptfiguren, lieben das Risiko. Sie rauchen, kiffen und testen auch sonst überall ihre Grenzen aus. Sie fahren nachts mit einem Fahrrad über die Autobahn und schrecken auch vor dem Klauen nicht zurück. Nach der Schule füllen sie ihre Müllermilchbecher mit Alkohol und stellen sich auf den Straßenstrich, gehen auf Partys. Ihr Verhalten soll so erwachsen wie möglich sein.
Teilweise sind sie gezwungen erwachsen zu handeln, da sie nicht besonders behütet aufwachsen. Nini kann nicht auf die Unterstützung ihrer Eltern hoffen, da ihre Mutter ein Alkoholproblem hat und ihr Vater die Familie verlassen hat. Sogar als sie noch ein kleines Kind war, wurde nicht richtig auf sie geachtet. Jameelah muss um ihren Aufenthalt in Deutschland bangen, da sie im Iran geboren ist und noch keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung hat. Ihr Vater und ihr Bruder sind schon vor der Flucht nach Berlin gestorben.

Nini und Jameelah drängen darauf neue Erfahrungen zu machen. Sie mögen es, älter zu wirken, wollen erwachsen wirken. Doch in verzweifelten Momenten wünschen sie sich ihre sorgenfreie Kindheit wieder zurück. Als ihr Freund wegen Mordverdachts im Gefängnis sitzt, wollen sie wie früher mit ihm auf den Baum auf dem Spielplatz klettern. Die Jugendlichen sind unsicher über ihre Zukunft, haben Angst vor ihr. Was, wenn die beiden sich irgendwann trennen müssen? Was, wenn ihnen wichtige Erfahrungen fehlen?

„Man merkt, man hat was, was die nicht haben, man tut viele Dinge zum ersten Mal, man hat ein echtes Leben, sie sehen alles nur von außen, wie bei einem Aquarium.“ (S.142), heißt es im Buch, als Nini über zwei erwachsene Männer nachdenkt. Haben Erwachsene dann ein falsches Leben? Kann man nicht, wenn man mit offenen Augen durchs Leben geht, in jedem Alter neue Erfahrungen machen? Der Roman bietet so viele Denkansätze und Themen, dass es schwer ist, allen zu folgen und genug Raum zu geben.

Die Inszenierung am Theater an der Parkaue beschränkt sich auf einige Themen. Im Stück liegt der Schwerpunkt auf Heimat und Migration. Jameelahs Abschiebung hat erheblich mehr Gewicht bekommen. Durch die Auswahl der Schwerpunkte waren diese Themen deutlich präsenter. Sie haben Gewicht bekommen und bewegen auf der Bühne mehr als im Buch. Deutschland ist zu Jameelahs Heimat geworden. Warum wird sie einfach abgeschoben? Warum wird sie aus ihrem vertrauten Umfeld gerissen?

Grenzen austesten, erwachsen werden

| 24.12.20141 Kommentar » Klasse

“Was soll ich über Mädchen schreiben, die jeden Tag hinter dunklen Fensterscheiben zum Querflötenunterricht gefahren werden.“ – So Stefanie de Velasco in einem Interview im Deutschlandfunk am 19.10.2013 zu ihrem Roman Tigermilch.

Wie sieht die Freiheit solcher Kinder aus? Was dürfen sie selbst entscheiden? Eher gesagt, was können sie selbst entscheiden, wenn die Erfahrungen, die sie in ihrer Kindheit machen, nur sekundäre sind? Wer nicht selbst ins Wasser geht, kann nicht schwimmen, auch wenn er vorher einen Film darüber gesehen hat. Wer nicht selbst vom Fahrrad fällt, weiß nicht, wie schmerzhaft das sein kann, auch wenn Opa davon erzählt hat.

Nini und Jameelah wachsen definitiv nicht so auf. Ihren Eltern scheint es egal zu sein, was sie machen. Neugierig und unerfahren wie sie mit ihren 14 Jahren sind, stürzen sie sich von einem Abenteuer ins andere. Sie trinken Alkohol, rauchen und kiffen. Um sich ihr Taschengeld aufzubessern, “arbeiten” sie auf dem Straßenstrich. Aber nicht nur wegen des Geldes, nein, sie lieben das Risiko! Einmal als Nini mit ihrem Freund Nico nachts Graffiti sprayen geht, fahren sie zu zweit auf  Nicos kleinem BMX über die Autobahn. Auch vorm Klauen machen Nini und Jameelah nicht halt. Sie lieben es, ihre Grenzen auszutesten. Immer auf der Suche nach neuen Abenteuern und Möglichkeiten um Erfahrungen zu sammeln, um zu reifen und so schnell wie möglich erwachsen zu werden. Alles ist Vorbereitung für später, wenn sie erwachsen sind, und genau das wollen sie am liebsten so schnell wie möglich sein.

Das ungezogene, übersteigerte Verhalten der beiden Protagonistinnen und ihrer Freunde ist das eine, doch es gibt auch „ernste“ gesellschaftliche Themen.

Jameelah ist im Irak geboren. Ihr Vater und ihr Bruder sind während des Krieges dort umgekommen, sie und  ihre Mutter konnten nach Deutschland emigrieren. Ihre Heimat ist Berlin, ihre Sprache ist deutsch, ihre Freunde und ihr Leben sind in Deutschland, aber dort kann sie  nicht bleiben. Der deutsche Staat will sie nicht. Tochter und Mutter werden abgeschoben. Zurück an den Ort, von dem sie geflohen sind. Jameelah spricht nicht einmal Arabisch…
Die drohende Abschiebung beschäftigt die beiden Mädchen den ganzen Sommer. Eine Trennung würde bedeuten, dass sie nicht mehr zusammen zur Schule gehen, abhängen, Unfug treiben, gemeinsame Erinnerungen sammeln werden. Die Aussicht auf das Ferienende ist düster. Dass Jameelah anfangs noch ihre „Einbürgerungs-Kartoffelparty“ plant und ständig am Lernen der Fragen für den Einbürgerungstest ist, macht die Sache auch nicht besser. So schnell kann sich ein Blatt wenden. Ende des Schuljahres war ihr größtes Problem neben der Sorge, dass sie es nicht rechtzeitig schafft, den Fragenkatalog auswendig zu lernen, eben  die Tatsache, dass ihr Schwarm Lukas mit Anna-Lena zusammen ist. Ende des Sommers muss sie Abschied von Freunden und Zuhause nehmen und ins Ungewisse, vielleicht in den Tod, reisen. Das ist eine Entwicklung, die beide Mädchen definitiv hat reifen lassen. Von Teenie-Problemen, wie Rausschleichen zum Feierngehen zu einem völlig anderen, ungewissen Leben mit größeren Hürden wie Kultur und Menschen.

In dem Roman „Tigermilch“ und in der gleichnamigen Inszenierung ist dieses Thema ein Schwerpunkt. Was soll der Leser und Zuschauer daraus mit nehmen? Welche Parallelen gibt es zu denen, die nicht emigriert sind oder die nicht unbehütet aufgewachsen sind? Zu denen, die durchschnittlich in der Schule sind, Eltern haben, die sich kümmern. Eltern, deren Einkommen auch für zehn Tage Ostsee im Sommer reicht, und die nicht bangen müssen abgeschoben zu werden.

Jeder in diesem Alter, der das Theaterstück sieht oder das Buch liest, kann sich mit mindestens einem der Protagonisten identifizieren. Ich bin mir sicher, dass auch Personen, die schon lange über dieses Alter hinaus sind, Ähnlichkeiten zu sich in diesem Alter finden können. Natürlich sind die beiden Mädchen in ihrem Verhalten extrem, aber dadurch werden ihre Beweggründe klarer. Wer hat denn keine Angst davor, erwachsen zu sein und zu merken, dass er so viel verpasst hat, als er jünger war, und diese oder jene Erfahrungen nicht gemacht hat. Das ständige Gefühl, man würde etwas verpassen. Das Gefühl, das einen dazu verleitet, bei einer Mutprobe mitzumachen, damit man später davon erzählen kann, was für ein mutiger, lustiger und verrückter Typ man doch war. Es gilt gewappnet zu sein für „das erste Mal“, obwohl es doch so viele erste Male gibt. Jetzt denken wir, „das erste Mal“ wird für immer in der Erinnerung eingebrannt sein, wir setzten es auf eine Stufe mit der ersten eigenen Wohnung und dem ersten eigenen Auto. Der Unterschied ist nur, dass die beiden letzten Beispiele einen großen Schritt in die Selbstständigkeit darstellen, das sogenannte “erste Mal” aber wahrscheinlich keine großen Auswirkungen auf den weiteren Verlauf unseres Leben haben wird. Ein eigenes Auto bedeutet Mobilität, Unabhängigkeit, egal ob die Lokführer mal wieder streiken oder nicht. Aber ob ich Sex hatte, verändert nicht maßgeblich etwas an meinem Leben. Was ist denn bitte anders nach dem „ersten Mal“? Ich bin immer noch der gleiche Mensch wie vorher. Was sich geändert hat, ist lediglich eine weitere beschriebene Seite in meinem Tagebuch.

All das gehört dazu auf dem Weg zum Erwachsenwerden, und Fakt ist, das erlebt man nur, wenn man LEBT und sein Leben nicht hinter dunklen Fensterscheiben verbringt.

Tigermilch und der Weg des Älterwerdens

| 23.12.2014Kommentare deaktiviert Kreatives Schreiben

Erwachsen werden, ein Irrweg, ein Weg in die Freiheit – ein Weg, den jeder für sich beschreitet und dabei doch nie alleine ist.

Zu reifen, älter zu werden heißt Grenzen austesten, Fehler machen und das Leben so zu leben, wie man es für richtig hält.

Es ist nicht die hohe Kunst älter zu werden; es geschieht manchmal ganz unfreiwillig oder nebenbei. Dann dabei möglichst wenig anzuecken und aus seinen Fehlern zu lernen, heißt, dass man sich mit sich selbst beschäftigt und dass man die Konsequenzen seines Handelns selbst tragen kann und es auch muss.

Auch das kann man in der Entwicklung von Nini und Jameelah, den beiden Protagonistinnen in dem Roman „Tigermilch“ von Stefanie de Velasco, erkennen. Die Mädchen wollen bloß nichts verpassen,versuchen jeden Moment auszukosten und überschreiten dabei ihre Grenzen. Trotzdem lassen sie sich nicht beirren, trinken weiter ihre Tigermilch, deren Name alleine schon zum Nachdenken anregt, tragen ihre Ringelstrümpfe und treffen sich mit ihrer Clique am Planet. Ihr Leben mag zwar aufregend sein, ist gleichzeitig aber auch sehr riskant. Auf Rückschläge wird man nicht vorbereitet und es kommt, wie es kommen musste. Irgendwann kippt jedes Boot, es ist nie immer alles nur positiv, alles hat auch eine Schattenseite.

Die beiden Freundinnen werden Zeugen eines Mordes, ihr bester Freund Amir geht unschuldig ins Gefängnis und Jameelah wird letztendlich doch abgeschoben. So endet das Buch mit der Aussage: „… ich weiß nur, dass wir immer dachten, dass niemals etwas schief gehen wird, dass nichts passieren kann, solange wir nicht alleine gehen, nirgendwohin allein.“ (Seite 280). Nini muss sehen, wie sie ab jetzt alleine klar kommt. Auf die Frage, ob Tigermilch ein Migrationsroman sei, antwortet die Autorin, dass es eher darum ginge, was Deutschland bedeutet und dass das Migrationsthema genauso zu Deutschland dazugehöre, wie alles andere auch (Quelle Interview mit Ute Wegmann).

Um das Buch überzeugend auf die Bühne zu bringen, benötigt es einiges an Auseinandersetzung mit dem Buch und Vorbereitung.

Am Ersten November 2014 war im Theater an der Parkaue Premiere der Inszenierung von Tigermilch.

Das Stück ist nachvollziehbar und auf eine interessante Weise gestaltet. Das Bühnenbild, welches am Anfang aus weißen oder hellgrauen Blöcken besteht, nimmt im Laufe der Zeit immer mehr Form und Farbe an. Diese Veränderung lässt einen den Verlauf der Geschichte verstehen und man weiß dadurch auch wo jede Szene spielt. Obwohl es nur von fünf Schauspielern gespielt, ist das Stück verständlich. Dass bei dem Theaterstück einige Charaktere aus dem Buch fehlen und hauptsächlich nur ein Handlungsstrang erzählt wird, stört nicht. Einige Szenen sind sehr emotional berührend gestaltet und man fühlt mit den einzelnen Figuren. Damit, dass man aus dem Theaterstück rausgeht und weiter darüber nachdenkt ist, denke ich, auch einer der wichtigsten Ziele des Buches in der Inszenierung wieder zu finden.

Abschließend kann man sagen, dass die Kombination aus dem Buch und der Inszenierung sehr aufschlussreich ist und viele neue Erkenntnisse mit sich bringt, die für jeden einzelnen variieren. Beide Werke können gut für sich alleine stehen und ergänzen sich dennoch gut. Das Theaterstück diente für mich noch einmal als Verdeutlichung des Buches und hat mich sehr zum Nachdenken angeregt.

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