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Wer sich an die Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

| 04.04.2015Kommentare deaktiviert Klasse

Auschwitz. Wenn ich dieses Wort höre, kommen mir sofort Bilder von dem Konzentrationlager in den Kopf -  von überfüllten Transportzügen, von Gepäckhaufen und leidenden Menschen. Bis vor ein paar Wochen wusste ich nicht, dass diesen Namen eine ganze Stadt trägt. Oświęcim ist eine polnische Kleinstadt mit einer Fläche von 30 Quadratkilometern und rund 40 000 Einwohnern. Jedes Jahr gibt es das Festival of Life, um zu zeigen, dass Oświęcim mehr ist als nur der Ort des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers. An Wänden in der Innenstadt sind Sprüche wie “Antisemitismus ist eine Sünde”.

Im Auschwitz-Stammlager gibt es einen Ausstellungsraum mit Büchern, in denen die Namen der im KZ ermordeten identifizierten Menschen stehen. Unser Seminarleiter forderte uns auf, mal nach den Namen von berühmten Personen oder nach unseren eigenen Namen zu gucken. Den Nachnamen Westermann gab es zehn Mal. Von dem Nachnamen meines Vaters, also Grossmann, gab es 11 ganze Seiten. Das war ein Schock für mich! Obwohl ich keinen der Verstorbenen persönlich kannte! Es war einfach diese Erkenntnis, dass es auch meinen Großvater oder meine Großonkel hätte treffen können. Diese Erkenntnis, dass es mich dann vielleicht gar nicht geben würde!

In einem anderen Raum wurden Kinderzeichnungen gezeigt. Diese Kinderzeichnungen waren an die Wand und in die Fensterrahmen gemalt. Manchmal musste man richtig suchen, um einige zu entdecken. Die Zeichnungen sind auf Augenhöhe der Kinder. Viele Zeichnungen zeigen sterbende Menschen oder Männer mit Gewehren. Auf mindestens der Hälfte der Bilder aber sind Vögel. Vögel, die einfach wegfliegen können, zurück nach Hause oder einfach in die Freiheit… In diesem Raum kam mir auch in den Sinn, dass kein Mensch als Rassist, Faschist oder Nationalist geboren wird.

Auch noch heute, 70 Jahre später, sind die Auswirkungen des Nationalsozialismus in manchen Gegenden immer noch zu spüren. In Krakau zum Beispiel, wo früher ein großes jüdisches Viertel war, leben  jetzt keine orthodoxen Juden mehr. Es ist auch fast unmöglich, sich in Krakau koscher zu ernähren. Oder auch in Oświęcim, wo vor kurzem der letzte Mensch jüdischen Glaubens gestorben ist. In einem Ort, wo davor 60% der Bevölkerung jüdisch war! Es wurde, von Hitler und den Nazis, versucht, eine ganze Kultur auszulöschen und in manchen Orten ist ihnen dieser undenkbare Akt anscheinend auch gelungen. Sie haben es zwar nicht “geschafft”, alle umzubringen, aber allein durch die unmenschliche Behandlung in den Konzentrations- und Vernichtungslagern, die ich mir noch nicht mal im Albtraum vorstellen kann, haben sie es geschafft, dass auch die wenigen Überlebenden einfach nicht mehr nach Hause wollten. Sie haben den Menschen ihre Heimat genommen, ihre Familien, ihren Frieden und noch so viel mehr.

Zum Glück gab es einige Menschen, die noch für sich selbst denken konnten. Diese Menschen haben geholfen, durch kleine Taten, wie zum Beispiel etwas Geld absichtlich fallen lassen oder auch eine Zigarettenpackung schenken, womit sich der Beschenkte durchs Verkaufen  über Wasser gehalten hat, aber auch durch die großen “Heldentaten”, wie einen Juden bei sich zuhause verstecken oder wie Schindler über 1000 Menschen retten. Ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, auch nur irgendwas zu tun, wenn ich wüsste, dass ich dadurch bestraft werden könnte. Natürlich hoffe ich, dass ich wenigstens alle Menschen als gleichwertig gesehen hätte. Aber wer weiß schon, was passiert wäre…
Eigentlich bin ich heute, auch wenn das ein sehr egoistischer Gedanke ist, nur froh, dass meiner Familie nichts allzu Schreckliches passiert ist. Mein Opa leidet auch immer noch unter seinen Kriegserfahrungen. Er wirft zum Beispiel nie Essen weg. Alles, was nicht geschafft wurde, wird eben später nochmal aufgetischt und jede Schüssel bis auf den letztenTropfen ausgelöffelt. Mein Opa hat ein extrem gutes Gedächtnis, was er, glaube ich, manchmal auch einfach lieber nicht hätte. Er sagt, dass er noch die ganzen Lieder auswendig weiß, die er in der Hitlerjugend gezwungen wurde zu singen.

Ich denke, unser Aufenthalt in Auschwitz hat mir einiges über die Menschen gezeigt. Wie einige unter derartigen unmenschlichen Bedingungen selber zum Täter wurden, weil dann nur noch das Gesetzt des Dschungels gilt und man nur daran denkt, selber zu überleben. Aber wie andere wiederum so viel Mut und Herz hatten und auch noch anderen geholfen haben. Das hat schon bei der Selektion am Bahnhof angefangen, wo Einigen das Leben gerettet wurde, weil ein anderer Häftling ihnen zuflüsterte, sie sollten behaupten schon 16 Jahre alt zu sein.

Ich habe diese Vergangenheit nicht miterlebt. Ich habe aber den größten Respekt vor den Menschen, die trotz so einer Vergangenheit weiter machen konnten und auch noch anderen ihre Lebensgeschichte erzählen. Wir haben viele Zeitzeugen getroffen, und ich denke auch, dass das notwenig war. Es ist unsere Geschichte, die von Deutschland, und man kann einfach nicht genug verstehen, wenn man alles nur in Büchern liest. Im Geschichtsunterricht ist die Zeit des Nationalsozialismus so weit weg. Erst durch den Besuch im Stammlager Auschwitz und in Auschwitz-Birkenau kann ich mir nun alles ein ganz klein wenig vorstellen.

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