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Dort, wo in Oswiecim einst die Synagoge stand

| 03.02.2015Kommentare deaktiviert Klasse, Projekte

Die Vorstellungskraft ist die Gabe sich etwas vorzustellen, was zum derzeitigen Zeitpunkt nicht real vor Augen existiert.
Um sich etwas bildlich vorstellen zu können, brauchen wir Fantasie, doch allein schon Wissen hilft dabei, uns etwas vor Augen zu führen. Uns im Kopf ein Bild von etwas zu machen. So etwas wie ein Kopfkino, ein Gedankentheater mit Bildern, die wir selber malen.
Bilder ohne Farbe. Bilder ohne Grund und Boden.
Ein Bild der Synagoge, die hier einmal stand. Stellen wir uns vor, hier, genau da, wo wir heute am 27. Januar 2015 stehen, stand vor mehr als 70 Jahren ein Mensch-vielleicht in unserem Alter, vielleicht genauso groß, vielleicht mit der gleichen Haarfarbe, der gleichen Augenfarbe. Vielleicht würden wir mit ihr oder ihm sogar Interessen teilen. Vielleicht würden wir uns mögen.
Dieser Mensch ist ein Jude. War er gläubig, hat er diese Synagoge vielleicht öfters besucht. Gebetet. In Gedanken vertieft, seinen Sorgen und Wünschen Sprache gegeben. Und wenn er sich trotz seines jüdischen Hintergrunds keiner Religion zugehörig fühlte, hat er vielleicht an diesem Ort in Schweigen versucht die Angst, die ihn ab nun stetig begleitete, zu akzeptieren. Die Reise, vor der er nicht mehr flüchten konnte.
Er ist zu dieser Reise gezwungen. Reise ist ein falsches Wort für das, was es ist. Eine öffentliche Entführung, amtlich verpackt. Auch das ist noch nett formuliert.
In dem Konzentrationslager Auschwitz starben mindestens 1,3 Millionen Menschen. Das ist die ganze Schule. Ganz Marienfelde. Ganz Berlin. So absurd und brutal, dass es schwer fällt, es sich wirklich vorzustellen. So viele Menschen. So viele Leben…

70 Jahre später stehen wir hier als Klassengemeinschaft. Wir müssen uns keine Sorgen um unsere Sicherheit und um die unserer Familie machen. Wir müssen nicht dieses Gefühl ertragen, nicht zu wissen, wohin es geht.
70 Jahre später stehen nun wir hier. Wie unser Freund aus der Vergangenheit an der Synagoge in den Bildern im Kopf. Am gleichen Ort, zu einer anderen Zeit. Denken wir zurück, setzten wir ein Denkmal in unserem Gedächtnis, setzten wir ein Zeichen für uns an diesem Ort, ganz für uns allein und doch alle zusammen. Genau hier. Vor nicht einmal hundert Jahren.
Es ist nur die Zeit, die uns vergessen lässt. Die Zeit, die Dinge verblassen lässt und wodurch sie harmloser wirken. Doch die Zeit macht die Dinge nicht ungeschehen. Wir sollten keinen Strich ziehen, es in der  nächsten Schublade verstauen, um es dann allmählich zu vergessen. Nur wenn wir immer wieder der Geschichte auf den Grund gehen, wenn wir in die Zeit zurück reisen, werden wir in der Gegenwart und in der Zukunft vermeiden können, Fehler zu wiederholen.

Heute lebt in der Stadt Oswiecim kein einziger Mensch jüdischen Glaubens mehr.

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