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David Salz – ein Zeitzeuge

| 27.01.2015Kommentare deaktiviert Interessantes, Interviews, Klasse

Das Thema Nationalsozialismus wird im Geschichtsunterricht behandelt.  Das reicht aber nicht aus. Wir müssen uns mit den uns noch verbliebenen Zeitzeugen auseinander setzen und ihre Geschichten für die Nachwelt erhalten.

Das wird zum Beispiel mit dem Projekt von der Schwarzkopf-Stiftung getan. Diese hat mir und einigen Mitschülern ein Treffen mit Herrn David Salz ermöglicht. Wir durften ihn stellvertretend für die nachfolgenden Generationen interviewen. Das Interview wurde gefilmt und wird hoffentlich bald als eines der ersten Videos dieses Projekts im Internet zu finden sein.

Herr Salz wurde 1929 in Berlin geboren. Mit sieben Jahren endete seine Kindheit abrupt, weil sein Vater von der Gestapo verhaftet wurde und kam nicht zurück. Seine Mutter beschloss auf ihren Mann zu warten und nicht nach Palästina zu emigrieren, wie der Rest der Familie es tat. Für David Salz folgte eine schwierige Zeit. Er musste als Kind miterleben, wie sich die Nachbarn distanzierten und er bei vielen Sachen ausgeschlossen wurde. Zum Beispiel durften Juden nicht in Badeanstalten gehen und deswegen kann Herr Salz bis heute nicht schwimmen.

Auch wenn sich das mit dem Schwimmen im ersten Moment nicht so schlimm anhört, stellt es doch einen Eingriff in die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten dar. Wer gibt jemandem das Recht etwas Lebensrettendes zu verbieten. Wieso dürfen manche Menschen  überleben und andere nur aufgrund ihrer Religion oder ihrer Vorfahren nicht? Wenn zwei Kinder ins Wasser fallen, wieso hat nur das „deutsche“ ein Recht darauf zu überleben?

Bei diesem Treffen hat er viel von sich und seinem Leben preisgegeben. Er erzählte uns, wie er es geschafft hat, im Konzentrationslager zu überleben und wie er überhaupt erst dort hingekommen ist: Im März 1943 kam seine Mutter nicht von der Arbeit zurück. Das war sehr ungewöhnlich und so machte sich David Salz im Alter von dreizehn Jahren auf die Suche nach seiner Mutter. Dass er sich dadurch in große Gefahr begeben würde, wusste er damals noch nicht. Die Gestapo hat ihn gefangen genommen und schon bei der Ankunft in der Gestapo geschlagen. Noch heute muss er mit den Narben dieser Folter leben. Später kam er in ein Sammellager. Kurz darauf wurde er nach Auschwitz deportiert. Was er damals noch nicht wusste: Seine Mutter war wenige Tage zuvor in Auschwitz umgebracht worden.

Dieses Schicksal sollte ihn nicht treffen. Obwohl er erst dreizehn Jahre alt war, fiel ihm auf, dass bei der Selektion alte Menschen, Frauen und Kinder auf die eine Seite kamen und kräftige Männer mit Berufen auf die andere Seite. Er konnte nicht ahnen,  dass die eine Seite sofort vergast werden würde. Als er an der Reihe war, sagte er deshalb, er sei sechzehn Jahre alt und Elektriker. Er dachte, er könne seine Mutter, die zuvor bei Siemens arbeitete, so am ehesten wiedertreffen.

David Salz hatte die Hoffnung seine Mutter wieder zu sehen noch nicht aufgegeben, als er ins KZ Buna/Monowitz kam. Er schwor sich, wenn er das Ganze wegen der Angabe des Berufes überstehen würde, später Elektriker zu werden. Dank älterer Inhaftierter schaffte er es bis zum 18. Januar 1945 zu überleben. Hierbei halfen ihm vor allem Erich Markowitsch und der Schneider Kowalski. Sie gaben ihm Essen und beschützten ihn vor den schlimmsten Kapos.

Es ist sehr erstaunlich, dass, obwohl sie im KZ waren, es immer noch Menschen gab, die andere unterstützten. Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Kinder oder Jugendliche zu retten. Doch es ging noch weiter und Herr Salz sollte noch mehr Menschen treffen, die ihm halfen. Er erzählte uns wie er nach Mittelbau-Dora gekommen ist und wie er es letztendlich geschafft hat zu flüchten: Am 18. Januar 1945 wurden die Inhaftierten des KZ Buna/Monowitz auf die Todesmärsche getrieben. Anders als bei der Fahrt von Berlin nach Auschwitz wurden sie dieses Mal auf offene Kohletransporter verladen. Dies war bei Schnee, Hagel und kalten Temperaturen sehr unangenehm. Die Wagen waren extrem  voll und alle wollten in der Mitte stehen, um sich zu wärmen. Sie waren neun Tage ohne Essen und nur mit einem Becher zum Schnee schöpfen unterwegs. Diese extremen Bedingungen überlebten viele nicht. Die Leichen wurden einfach vom Zug geworfen.

Im KZ Mittelbau-Dora, das unter der Erde in einem Stollen liegt, angekommen, wurde er in den Steinbruch gebracht. In diesem Steinbruch herrschten unmögliche Lebensbedingungen: Es waren durchweg acht Grad und es war feucht und Staub lag in der Luft. Es erstickten viele. Trotzdem kamen mehr Gefangene hinzu und das Lager wurde immer voller. Deshalb mussten sie auf sie auf einen erneuten Todesmarsch. Als sie in einem Nebenlager ankamen, wurde dieses bombardiert und Herrn Salz gelang die Flucht. Von jetzt an lief er nachts und legte sich tagsüber auf Friedhöfen zum Schlafen hin.

Herr Salz hörte einen Panzer anrollen und merkte, dass dieser nicht vom deutschen Militär war. Er hörte die Soldaten Englisch sprechen und rief: „ Jewish! From the concentration camp!“ Ein jüdischer Soldat hörte ihn, kam auf ihn zu und sagt: „ Friede mit dir.“ Die Amerikaner brachten ihn in ein Krankenhaus und als er wieder gesund war, kehrte er nach Berlin zurück.

Herr Salz musste feststellen, dass im Nachkriegsdeutschland viele ehemalige Nationalsozialisten wieder in neue hohe Positionen zurückkamen. Daraufhin beschloss er nach Israel zu emigrieren. Dort wurde er Elektriker, wie er es sich versprochen hatte. Er heiratete und bekam Kinder. 1961 kam er nach Deutschland zum Eichmann-Prozess, hielt ihn aber nicht durch. Seit dem erzählt er seine Geschichte um zu verhindern, dass so etwas jemals wieder passiert.

Obwohl David Salz bis heute in Israel lebt, hat er den Antrag auf die deutsche Staatsangehörigkeit gestellt, um seinen Kindern ein Leben im Ausland zu erleichtern. Dieser Antrag wird bisher abgelehnt, da David Salz nicht belegen kann, nach 1945 in Deutschland gelebt zu haben.

Das letzte was Herr Salz uns mit auf den Weg gab, war: „ Never again!“

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