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Die Schönheit im Hässlichen

| 30.12.2014Kommentare deaktiviert Ausflüge, Klasse, Veranstaltungen

Schönheit ist eine Lüge. Schönheit ist das Los an der Losbude auf dem Rummel, das uns nicht wirklich befriedigt. Der runde Platz, der noch am Morgen friedlich und frisch, mit Tau und Morgenlicht bedeckt war, ist nun rappelvoll. Menschengesichter und Gesten verschwimmen ineinander. Wie ein Strom zieht alles vorüber. Wörter, Sätze, Fetzen einer Unterhaltung bilden eine summende Geräuschkulisse. Jeder will den besten Platz ergattern, das Los mit dem höchsten Gewinn ziehen. Was ist schöner? Eine banale Frage, die oberflächlicher nicht sein könnte. Schönheit hat keinen Maßstab. Schönheit lässt sich nicht zählen. Die Natürlichkeit und Reinheit des morgendlichen Platzes lässt sich beispielsweise nicht mit dem Bild eines schnauzbertigen Mannes, dem Senf von den Mundwinkeln tropft, weil er in großer Eile seinen Hot-Dog verschlingt um sich an der nächst besten Achterbahnschlange anzustellen, vergleichen. Alles lässt sich bearbeiten. Schwarz-weiß, Sepia, verschwommen, verpixelt, Farben zum Leuchten bringen, die Perspektiven wechseln, den Fokus lenken. Wir können allem eine gewisse Ästhetik verleihen. Das Schöne am Hässlichen in den Vordergrund schieben.

Das Theater an der Parkaue ist dafür bekannt, ungewöhnliches, oft provozierendes Theater auf die Bühne zu bringen.Die Schauspieler erschaffen Bühnenerlebnisse, die im ersten Moment unverständlich oder unvernünftig erscheinen. Sie provozieren, indem sie dem traditionellen Theater provokant eine neue Ästhetik verleihen.
Wie ein altmodisches, traditionell eingerichtetes Wohnzimmer, indem eine schlabbernde Bulldogge mit hängender Zunge auf dem so gut gepflegten Sofa sitzt.
Ganz neu im Programm des Theater an der Parkaue ist die Inszenierung “Tigermilch”, welche auf dem Roman von Stefanie De Velasco basiert. Darin geht es um die zwei Mädchen Nini und Jameelah aus Berlin. Zwei Freundinnen, beide 14 Jahre alt, die sich ohne Rücksicht auf sich selbst und ohne Scheu vor Peinlichkeit in das Leben stürzen, die alles tun, was ihnen in den Kopf kommt und die dabei keine Gedanken an Vernunft, Regeln und Gesetze vergeuden. Es scheint, als wären sie jeden Tag unterwegs. Unterwegs in Gegenden, in denen besorgte Erwachsene junge Mädchen nicht erwarten möchten.

Heimat und Immigration, Liebe, Sex und Prostitution, Drogen, doch vor allem Familie und Freundschaft, Wahrheit und Betrug sind Themen, die in diesem eigentlich nicht besonders langen Roman stecken. Themen, die dem Leser nicht befremdlich oder unbekannt sind. Themen, die zwar nicht unbedingt direkt Teil unseres eigenen Alltags sind, doch uns trotzdem wie Schatten verfolgen.
Mit fünf Schauspielern und  minimalistischem Bühnenbild samt Requisiten bringt das Theater an der Parkaue diese Geschichte zweier Mädchen, beste Freundinnen, die es kaum erwarten können erwachsen genug zu sein um selbstständig zu entscheiden, auf die Bühne. Obwohl die Schauspieler bereits erwachsen sind, spielen sie die Teenager wahrhaftig und glaubwürdig.
Dass manche Schauspieler von Charakter zu Charakter wechseln, stört den Zuschauer, dem die Geschichte bekannt ist, nicht groß.
Der manchmal abrupte Szenenwechsel symbolisiert den Alltag der beiden Mädchen, welcher immer wieder andere Facetten und Perspektiven aufzeigt, die sie selbst so nicht erwartet hätten.
Die Requisite und das Bühnenbild bringen den Zuschauer dazu, selbst zu interpretieren, zu assoziieren.
Sind die zerplatzenden Luftballons vielleicht die geplatzten Träume, die nun nicht in Erfüllung gehen? Und steht das Graffiti-Bild der Figur Anna-Lena  für die Oberflächlichkeit, die Plattheit ihres Charakters?.
Die durch simple Methoden veränderten Bühnenbilder tragen dazu bei, unausgesprochene Gedanken zu verdeutlichen. Trotzdem fehlt in einigen Szenen die eigene Interpretation des Theaters. In der ersten Szene werden einfach mal ganze Textpassagen aus dem Buch vorgelesen.
Die Inszenierung folgt zwar dem Buch, doch wieder einmal entstand hier ein Theaterstück, welches durch neue, ungewöhnliche Aspekte und Sichtweisen in Erinnerung bleiben wird.

Für jeden definiert sich Schönheit in etwas anderem. Schönheit muss nicht aufgedonnert sein, nicht zur Schau gestellt werden und vor allem keine aufgesetzte Lüge beinhalten. Alles ist ständig und ununterbrochen im Wandel. Etwas nicht Wandelbares, Endgültiges gibt es nicht. Man kann die Dinge immer neu interpretieren, immer neue Perspektiven einnehmen, sich auf neuen Wegen einer Sache nähern. Wann Schönheit endet und Hässlichkeit beginnt, kann man nicht sagen. Doch auch wenn wir keine Regeln und Grenzen dafür aufgestellt haben, gibt es diese unausgesprochene Schönheit, die wir, ohne es gesagt bekommen zu haben, erkennen, spüren und erahnen.
Aus den hässlichen Dingen etwas Schönes zu machen. Den hässlichen Teil von etwas Schönem zu erkennen. Den hässlichen Teil von etwas, das so vollkommen wirkt, zu erfassen, darin liegt die Ästhetik. Denn etwas vollkommen Schönes existiert nicht, allein schon weil jeder dahinter letztendlich etwas anderes sieht. Aber auch, weil die Vielfältigkeit grenzenlos ist.

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