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Der Mensch – Ein Wesen der Unvollkommenheit

| 29.12.2014Kommentare deaktiviert Klasse

Wenn mit dem Tod alles endet, was war dann das Leben wert?
Keine Antwort, keine Wahrheit.

Jemand. In der Finsternis. Kein Geräusch dringt an seine Ohren. Augen, Hände, Sinne. Nutzlos. Orientierungslos. Haltlos. Alleingelassen mit seinen Gedanken. Doch diese sind ohne Struktur, noch nicht entworren. Es fehlt die Erfahrung. Einzig das Wissen um seine Unwissenheit hält ihn zusammen.Das Bedürfnis zu verstehen, in Anbetracht der eigenen Nichtigkeit.

Dieser Jemand, das bin ich. Das bist auch du. Das sind auch Nini und Jameelah, die beiden Romanfiguren aus Tigermilch von Stefanie de Velasco. Dieser Jemand, das sind wir alle irgendwie. Er verkörpert den Menschen an seinem wundesten Punkt. Der Unwissenheit.
Wir wissen nicht. Das, denken wir, macht uns verwundbar. Deshalb sind wir anfällig für primitive Wahrheiten, an denen wir uns festhalten können, die uns unser Weltbild vereinfachen. Ein Weltbild, aufgebaut aus der Angst heraus, den Halt zu verlieren. Sogar für Lügen, wenn sie in der Lage sind uns glauben zu machen, diese menschliche Unwissenheit existierte nicht.
Für Nini und Jameelah ist ein solcher Halt die Vorstellung vom Erwachsenwerden. Es ist gewissermaßen ihre Wahrheit. Die Überzeugung, dass, wenn wir erst erwachsen sind, alles anders, wenn nicht gar besser wird. Sie sind nicht in der Lage ihre Gegenwart zu schätzen, sie projizieren ihr Glück in die Zukunft, machen es abhängig von einem Zustand, der so nicht existiert. Selbstverständlich besteht der sogenannte Zustand der Maturität, doch der Begriff des Erwachsenwerdens, von der Gesellschaft als solcher geprägt, ist nur präsent in den Köpfen der Individuen.
Dieser kann im Grunde schon im Kopf eines Kindes seine Bedeutung entfalten, genauso wie er von Erwachsenen verdrängt werden kann.

Nini und Jameelah befinden sich in einem Lernprozess. Das wird deutlich sowohl im Buch als auch in der gleichnamigen Bühnenfassung. Es ist ein Prozess des Sich-selbst-Erkennens, des Verstehens ihrer Überzeugungen, ihrer inneren Einstellung. Und mit jedem Schritt hin auf das von ihnen deklarierte “Erwachsensein” verliert dieses als Ziel an Wert.
Wir als Menschen brauchen Erfahrungen, an denen wir wachsen können, an denen wir uns im Laufe des Lebens entlanghangeln können. Man könnte behaupten, dass man durch diese Erfahrungen an innerer Reife gewinnt und somit der Vorstellung des Erwachsenseins näher kommt.
Für Nini und Jameelah war solch ein Erfahrung der Mord an Jasna, dessen Augenzeugen sie wurden.  Es ist der Umgang mit diesem Verbrechen, der ihre innere Einstellung ausmacht und der  letztlich auch die Freundschaft der beiden auf die Probe stellt. Es verdeutlicht, wie stark die Moralvorstellungen und unser privater Hintergrund voneinander abhängen.
Mit der Gefahr der Abschiebung im Hinterkopf glaubt Jameelah,  es sich nicht leisten zu können, als Zeugin eines Mordes auszusagen. Sie hat Angst, dass diese Verbindung mit einer Straftat, egal ob negativ oder positiv behaftet, in den Akten zu ihrem Nachteil ausgelegt werden könnte.  Selbstverständlich weiß sie, dass das Verschweigen ihres Wissens, was in diesem Fall richtungsentscheidend gewesen wäre, nicht den anerkannten moralischen Werten der Gesellschaft entspricht, doch muss sie diesen Fakt verdrängen, um ihrer eigenen Sicherheit willen. Aufgrund ihres privaten Hintergrundes rücken Moralvorstellungen in den Hintergrund. Nini befindet sich nicht in einer solch prekären Situation, kann auch die Angst ihrer Freundin nur bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen, denn sie ist ja nicht direkt betroffen. Es lässt sich wesentlich einfacher handeln, wenn die möglichen Folgen nicht auf einem selbst lasten.
Jameelahs Verhalten ist nachvollziehbar und man kann sie nicht dafür verurteilen, denn Egoismus war lange Zeit überlebenswichtig für den Menschen und ist es im Grunde auch heute noch, auch wenn manche behaupten mit Selbstlosigkeit allein sei in unserer Gesellschaft Gewinn zu machen. So funktioniert der Mensch aber nicht. Als vor Millionen von Jahren die ersten Menschen sich entwickelten, wäre Selbstlosigkeit ihr Tod gewesen. Natürlich haben wir uns seitdem weiter entwickelt. Körperlich genauso wie geistig. Um Längen.  Doch im Notfall rettet der Durchschnittsmensch eben doch immer noch sich selbst, bevor er einen Gedanken an andere verschwendet.
Und deshalb ist der Fehler nicht in Jameelahs Verhalten zu suchen, sondern im Urprung, dem Grund dafür. Wie kann es dazu kommen, dass ein Mensch in einem so hoch entwickelten Land wie Deutschland es ist, sich nicht traut, bei der Aufklärung eines Mordes zu helfen, aus Angst aus diesem Land verjagt zu werden?
Es ist der Umgang mit anderen Menschen, der verdeutlicht, auf welcher Stufe der geistigen Entwicklung wir stehen. Wie schon Mahatma Gandhi sagte: “Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt.”
Wenn aber die Behandlung der Menschen in einigen Fällen schlimmer ist als die der Tiere, dann sollte dies tatsächlich zu denken geben.
Ein Blick auf die Asylpolitik einiger westlicher Länder macht eigentlich jeden weiteren Kommentar überflüssig. Es kann aber dennoch nicht schaden, hier einige Beispiele anzubringen.
In Deutschland gab es laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 116.659 Erstanträge auf Asyl zwischen Januar und September 2014. Das zieht aber keineswegs die Aufnahme dieser Flüchtlinge nach sich. Wie Zeit Online berichtete, wurden im letzten Jahr mehr als zwei Drittel der Asylanträge abgelehnt, wobei ein Drittel angeblich gar nicht erst inhaltlich geprüft worden sei, so Pro-Asyl.
Im Gegensatz dazu stehen Entwicklungsländer wie Pakistan oder Iran, die mit Aufnahmezahlen von um die eine Million an der Spitze des Rankings stehen. Länder, die selbst kaum etwas haben, wohlgemerkt.
Unsere Verfassung besagt, dass die Würde des Menschen unantastbar sei. Wenn wir den Menschen seiner Würde berauben, nehmen wir ihm auch unsere Anererkennung als Mensch. Und wie kann bei einer solchen Behandlung von Flüchtlingen wie sie hier in Deutschland momentan vorzufinden ist, wo Menschen wie Vieh behandelt werden, wo unbegründete Geldangst und Ausländerfeindlichkeit mehr zählt als das Überleben eines Menschen, von Würde und Respekt überhaupt die Rede sein?
Wir machen unsere Verfassung lächerlich, indem wir sie mit Füßen treten. Wir bestimmen, wann und wo und vor allem bei wem sie gilt. Wir nehmen ihr den Wert und somit auch unserer Gesellschaft, die auf einem System aufbaut, dass scheinbar viel zu willkürlich gehandhabt wird.
Wenn der Mensch die Menschlichkeit verliert, das Mitgefühl, die Moral, die für so eine Gesellschaft eine Grundfeste ist, was kommt dann als nächstes?

Was also sollen wir unternehmen?
Im Grunde können wir nur das tun, was wir selbst für richtig erachten und was niemandem Schaden zufügt. Denn wir wissen nicht, was richtig, und was falsch ist. Wir können nur mutmaßen und neue Erkenntnisse gewinnen, weiterforschen und erfahren, doch die große Wahrheit werden wir nie kennenlernen. Mit den begrenzten Mitteln, die uns als Menschen zur Verfügung stehen, werden wir nie alles begreifen können. Für das Universum sind wir nur eine weitere unbedeutende Spezies, die sich für den Herrscher über alles hält. In circa 5 Milliarden Jahren wird dieser Planet, auf dem wir leben, nicht mehr existieren. Und es wird niemanden geben, der sagen kann, was wir doch als Menschheit alles erreicht haben. Ob es nun der Weltfrieden sei oder ob wir eine Eins in einer Arbeit geschrieben haben. Es ist nicht von Bedeutung für die Entwicklung des Universums. Oder zumindest nur in einem so geringen Ausmaß, dass es keine weiteren Auswirkungen hat.
Und wenn nun mit dem Tod also all das endet, was war denn dann das Leben wert?
Die Antwort darauf ist ganz einfach: Es ist exakt so viel wert, so viel du ihm beimisst!

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