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Irrwege in die vermeintliche Freiheit

| 25.12.20141 Kommentar » Klasse

Der Roman “Tigermilch”, geschrieben von Stefanie de Velasco, behandelt eine Vielzahl von Themen. Es geht um das Erwachsenwerden, um Selbstständigkeit, um Familie und Heimat.

Nini und Jameelah, die beiden Hauptfiguren, lieben das Risiko. Sie rauchen, kiffen und testen auch sonst überall ihre Grenzen aus. Sie fahren nachts mit einem Fahrrad über die Autobahn und schrecken auch vor dem Klauen nicht zurück. Nach der Schule füllen sie ihre Müllermilchbecher mit Alkohol und stellen sich auf den Straßenstrich, gehen auf Partys. Ihr Verhalten soll so erwachsen wie möglich sein.
Teilweise sind sie gezwungen erwachsen zu handeln, da sie nicht besonders behütet aufwachsen. Nini kann nicht auf die Unterstützung ihrer Eltern hoffen, da ihre Mutter ein Alkoholproblem hat und ihr Vater die Familie verlassen hat. Sogar als sie noch ein kleines Kind war, wurde nicht richtig auf sie geachtet. Jameelah muss um ihren Aufenthalt in Deutschland bangen, da sie im Iran geboren ist und noch keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung hat. Ihr Vater und ihr Bruder sind schon vor der Flucht nach Berlin gestorben.

Nini und Jameelah drängen darauf neue Erfahrungen zu machen. Sie mögen es, älter zu wirken, wollen erwachsen wirken. Doch in verzweifelten Momenten wünschen sie sich ihre sorgenfreie Kindheit wieder zurück. Als ihr Freund wegen Mordverdachts im Gefängnis sitzt, wollen sie wie früher mit ihm auf den Baum auf dem Spielplatz klettern. Die Jugendlichen sind unsicher über ihre Zukunft, haben Angst vor ihr. Was, wenn die beiden sich irgendwann trennen müssen? Was, wenn ihnen wichtige Erfahrungen fehlen?

„Man merkt, man hat was, was die nicht haben, man tut viele Dinge zum ersten Mal, man hat ein echtes Leben, sie sehen alles nur von außen, wie bei einem Aquarium.“ (S.142), heißt es im Buch, als Nini über zwei erwachsene Männer nachdenkt. Haben Erwachsene dann ein falsches Leben? Kann man nicht, wenn man mit offenen Augen durchs Leben geht, in jedem Alter neue Erfahrungen machen? Der Roman bietet so viele Denkansätze und Themen, dass es schwer ist, allen zu folgen und genug Raum zu geben.

Die Inszenierung am Theater an der Parkaue beschränkt sich auf einige Themen. Im Stück liegt der Schwerpunkt auf Heimat und Migration. Jameelahs Abschiebung hat erheblich mehr Gewicht bekommen. Durch die Auswahl der Schwerpunkte waren diese Themen deutlich präsenter. Sie haben Gewicht bekommen und bewegen auf der Bühne mehr als im Buch. Deutschland ist zu Jameelahs Heimat geworden. Warum wird sie einfach abgeschoben? Warum wird sie aus ihrem vertrauten Umfeld gerissen?

Kommentare

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Ein Kommentar zu „Irrwege in die vermeintliche Freiheit“

  1. sweetboy

    Jameelah und Nini sind keine Einzelfälle. Vielen in diesem Alter ergeht es wie ihnen.
    Ich denke, dass niemand das Erwachsenwerden erzwingen kann. Das Erwachsenwerden ist etwas, was Zeit beansprucht; Zeit, die einen Menschen reifen lässt und ihn bereit macht, Verantwortung zu übernehmen und die Konsequenzen seiner Existenz zu tragen. Beweist die Eile zum Erwachsenwerden nicht, dass das betroffene Individuum einen Hilferuf an sich selbst aussendet? Einen Hilferuf, der einen aus der Abhängigkeit von anderen befreien soll, weil man darunter leidet?
    In meinen Augen wird man nicht erwachsen, wenn man Dinge tut, die üblich für Erwachsene sind oder allein nur die Volljährigkeit erreicht. Ich denke, dass man erst erwachsen ist, wenn man bereit ist, entscheidende Schritte einzugehen; vor allem in Situationen, in denen man auf sich allein gestellt ist.