Zum Inhalt

Grenzen austesten, erwachsen werden

| 24.12.20141 Kommentar » Klasse

“Was soll ich über Mädchen schreiben, die jeden Tag hinter dunklen Fensterscheiben zum Querflötenunterricht gefahren werden.“ – So Stefanie de Velasco in einem Interview im Deutschlandfunk am 19.10.2013 zu ihrem Roman Tigermilch.

Wie sieht die Freiheit solcher Kinder aus? Was dürfen sie selbst entscheiden? Eher gesagt, was können sie selbst entscheiden, wenn die Erfahrungen, die sie in ihrer Kindheit machen, nur sekundäre sind? Wer nicht selbst ins Wasser geht, kann nicht schwimmen, auch wenn er vorher einen Film darüber gesehen hat. Wer nicht selbst vom Fahrrad fällt, weiß nicht, wie schmerzhaft das sein kann, auch wenn Opa davon erzählt hat.

Nini und Jameelah wachsen definitiv nicht so auf. Ihren Eltern scheint es egal zu sein, was sie machen. Neugierig und unerfahren wie sie mit ihren 14 Jahren sind, stürzen sie sich von einem Abenteuer ins andere. Sie trinken Alkohol, rauchen und kiffen. Um sich ihr Taschengeld aufzubessern, “arbeiten” sie auf dem Straßenstrich. Aber nicht nur wegen des Geldes, nein, sie lieben das Risiko! Einmal als Nini mit ihrem Freund Nico nachts Graffiti sprayen geht, fahren sie zu zweit auf  Nicos kleinem BMX über die Autobahn. Auch vorm Klauen machen Nini und Jameelah nicht halt. Sie lieben es, ihre Grenzen auszutesten. Immer auf der Suche nach neuen Abenteuern und Möglichkeiten um Erfahrungen zu sammeln, um zu reifen und so schnell wie möglich erwachsen zu werden. Alles ist Vorbereitung für später, wenn sie erwachsen sind, und genau das wollen sie am liebsten so schnell wie möglich sein.

Das ungezogene, übersteigerte Verhalten der beiden Protagonistinnen und ihrer Freunde ist das eine, doch es gibt auch „ernste“ gesellschaftliche Themen.

Jameelah ist im Irak geboren. Ihr Vater und ihr Bruder sind während des Krieges dort umgekommen, sie und  ihre Mutter konnten nach Deutschland emigrieren. Ihre Heimat ist Berlin, ihre Sprache ist deutsch, ihre Freunde und ihr Leben sind in Deutschland, aber dort kann sie  nicht bleiben. Der deutsche Staat will sie nicht. Tochter und Mutter werden abgeschoben. Zurück an den Ort, von dem sie geflohen sind. Jameelah spricht nicht einmal Arabisch…
Die drohende Abschiebung beschäftigt die beiden Mädchen den ganzen Sommer. Eine Trennung würde bedeuten, dass sie nicht mehr zusammen zur Schule gehen, abhängen, Unfug treiben, gemeinsame Erinnerungen sammeln werden. Die Aussicht auf das Ferienende ist düster. Dass Jameelah anfangs noch ihre „Einbürgerungs-Kartoffelparty“ plant und ständig am Lernen der Fragen für den Einbürgerungstest ist, macht die Sache auch nicht besser. So schnell kann sich ein Blatt wenden. Ende des Schuljahres war ihr größtes Problem neben der Sorge, dass sie es nicht rechtzeitig schafft, den Fragenkatalog auswendig zu lernen, eben  die Tatsache, dass ihr Schwarm Lukas mit Anna-Lena zusammen ist. Ende des Sommers muss sie Abschied von Freunden und Zuhause nehmen und ins Ungewisse, vielleicht in den Tod, reisen. Das ist eine Entwicklung, die beide Mädchen definitiv hat reifen lassen. Von Teenie-Problemen, wie Rausschleichen zum Feierngehen zu einem völlig anderen, ungewissen Leben mit größeren Hürden wie Kultur und Menschen.

In dem Roman „Tigermilch“ und in der gleichnamigen Inszenierung ist dieses Thema ein Schwerpunkt. Was soll der Leser und Zuschauer daraus mit nehmen? Welche Parallelen gibt es zu denen, die nicht emigriert sind oder die nicht unbehütet aufgewachsen sind? Zu denen, die durchschnittlich in der Schule sind, Eltern haben, die sich kümmern. Eltern, deren Einkommen auch für zehn Tage Ostsee im Sommer reicht, und die nicht bangen müssen abgeschoben zu werden.

Jeder in diesem Alter, der das Theaterstück sieht oder das Buch liest, kann sich mit mindestens einem der Protagonisten identifizieren. Ich bin mir sicher, dass auch Personen, die schon lange über dieses Alter hinaus sind, Ähnlichkeiten zu sich in diesem Alter finden können. Natürlich sind die beiden Mädchen in ihrem Verhalten extrem, aber dadurch werden ihre Beweggründe klarer. Wer hat denn keine Angst davor, erwachsen zu sein und zu merken, dass er so viel verpasst hat, als er jünger war, und diese oder jene Erfahrungen nicht gemacht hat. Das ständige Gefühl, man würde etwas verpassen. Das Gefühl, das einen dazu verleitet, bei einer Mutprobe mitzumachen, damit man später davon erzählen kann, was für ein mutiger, lustiger und verrückter Typ man doch war. Es gilt gewappnet zu sein für „das erste Mal“, obwohl es doch so viele erste Male gibt. Jetzt denken wir, „das erste Mal“ wird für immer in der Erinnerung eingebrannt sein, wir setzten es auf eine Stufe mit der ersten eigenen Wohnung und dem ersten eigenen Auto. Der Unterschied ist nur, dass die beiden letzten Beispiele einen großen Schritt in die Selbstständigkeit darstellen, das sogenannte “erste Mal” aber wahrscheinlich keine großen Auswirkungen auf den weiteren Verlauf unseres Leben haben wird. Ein eigenes Auto bedeutet Mobilität, Unabhängigkeit, egal ob die Lokführer mal wieder streiken oder nicht. Aber ob ich Sex hatte, verändert nicht maßgeblich etwas an meinem Leben. Was ist denn bitte anders nach dem „ersten Mal“? Ich bin immer noch der gleiche Mensch wie vorher. Was sich geändert hat, ist lediglich eine weitere beschriebene Seite in meinem Tagebuch.

All das gehört dazu auf dem Weg zum Erwachsenwerden, und Fakt ist, das erlebt man nur, wenn man LEBT und sein Leben nicht hinter dunklen Fensterscheiben verbringt.

Kommentare

Kommentare sind nur innerhalb von 30 Tagen nach Veröffentlichung des Artikels möglich. Dieser Zeitraum ist nun leider vorüber.

Ein Kommentar zu „Grenzen austesten, erwachsen werden“

  1. flottylotty

    Als jüngeres Kind waren Erwachsene für mich eine ganz andere Spezies. Die Erwachsenenwelt war eine Galaxy für sich und ähnelte der meinen nicht im geringsten. Ich war der Ansicht, sie denken, fühlen und handeln auf eine ganz andere Art und Weise als wir Kinder. Sie arbeiten ununterbrochen, beschäftigen sich mit wichtigen und sinnvollen, vernünftigen Dingen, spielen oder malen niemals und haben eigentlich keine Hobbies und wenn doch, dann Aktivitäten, die keinen Spaß machen. Ich war überzeugt davon, dass in den Büchern von Erwachsenen ausnahmslos sachlich erläutert wurde, niemals erwartete ich Geschichten oder ähnliches.
    Ich habe mich geärgert, wenn sie im Radio sagten “aber nur für Erwachsene”,denn sie konnten doch nicht verhindern, dass Kinder zuhörten. Und ich fand auch nichts davon, was für Kinderohren verboten sein sollte, eher langweilte mich das ständige Geplauder. Mir schienen die Leute vom Radio arrogant, dass sie sagten, nur für sie wär der Radiosender, als wären sie etwas besseres als Kinder.
    Als Kind glaubte ich, für immer Kuscheltiere zu haben, für immer nach der Schule zu spielen. Spielen war ein großer Teil meines Lebens, wenn ich mich so erinnere. Ich sah mich in der Zukunft auf dem Bauch auf dem Fußboden liegen und abwechselnd Puzzles puzzeln und mit Tusche malen. Ich sah mich immer im Garten rumhüpfen und Eidechsen fangen.
    Wann ist es bloß so weit, dass wir uns doof vorkommen, mit unseren Spielfiguren im Puppenhaus zu spielen, wann macht es keinen Spaß mehr so zu tun, als sei man ein Pferd oder ein Hund oder der Tierpfleger? Wann werden wir zu groß für die Äste, die Zweige der Bäume im Garten? Wann werden wir zu alt sein zum Kind sein?