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Anders

| 04.06.20141 Kommentar » Klasse, Kreatives Schreiben

Der Moment der vollkommenen Stille,
Die Grenze zwischen Ja und Nein,
Zwischen Tun und Nichttun,
Zwischen Sein und Nichtsein.

Es ist kompliziert,
Die Balance zu erhalten.
Die Gedanken driften ab,
Ertasten andere Sphären.

Mein Körper balanciert,
Balanciert auf der ewigen Linie.

Ein Seiltänzer, der keiner sein wollte.

Bin ich anders?
Wie anders bin ich, wenn ich anders wäre?
Was bedeutet es, anders zu sein?
Menschen, die anders sind, sind immer noch Menschen, haben immer noch die gleichen Merkmale, die sie zum Menschen machen.
Aber reicht die Hülle?
Was macht den Menschen im Geist aus?
Wenn man kein Mensch mehr sein will, ist man dann noch Mensch?
Ist man dann anders?
Was bedeutet es, nicht anders zu sein? Das zu machen, was alle tun? Immer mitlaufen, nicht nachdenken? Völlige Anpassung?
Dann möchte ich nicht nicht anders sein.

Ist anders sein dann das völlige Gegenteil? Immer dagegen sein, keinerlei Anpassung, Einsamkeit?
Einsamkeit, ein schönes Wort.
Aber will ich das? Will ich einsam sein? Ich bin ein Mensch, es ist menschlich, den Gedanken der Einsamkeit zu scheuen.
Völlig anders möchte ich nicht sein.
Ich bin nicht nicht anders, aber anders bin ich auch nicht.
Vielleicht balanciere ich auf der Grenze, wie der Seiltänzer, immer in Gefahr auf der einen oder anderen Seite abzustürzen.
Aber ich werde besser im Balancieren, ich erschaffe mir eine eigene Welt auf der Grenze, im luftleeren Raum, nur ich und meine Gedanken.
Vielleicht der einzige Ort, an dem ich bald frei sein werde, denn das System beginnt auch mich einzukreisen. Es wird versuchen, mich von meinem Seil zu stoßen, doch wenn ich dann falle, ist das nicht schlimm. Ich darf nur nicht vergessen, wo ich die Leiter abgestellt habe, auf der ich wieder hochklettern kann.
Wenn ich Glück habe, finde ich vielleicht auch andere Seiltänzer, deren Welt meiner möglicherweise sogar ähnelt. Ihnen werde ich ab und an die Tür in meine Welt, meine Freiheit öffnen. Vielleicht legen wir unsere Welten dann auch zusammen, schaffen unser eigenes System, feilen daran, bis es schließlich soweit ist, das aktuelle abzulösen.
Und ganz vielleicht kann der Seiltänzer dann endlich wieder echte Erde unter seinen Füßen spüren, sich endlich auf den Boden der Tatsachen setzen.

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Kommentare

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Ein Kommentar zu „Anders“

  1. flottylotty

    “Hipster ist ein im frühen 21. Jahrhundert in den Medien verbreiteter, zumeist etwas spöttisch gebrauchter Name für eine Subkultur, deren Angehörige ihrem Szenebewusstsein – bei Gleichgültigkeit dem Mainstream gegenüber – ignorant bis extravagant Ausdruck verleihen.” – so heisst es in einem Artikel bei Wikipedia.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Hipster_(21._Jahrhundert)
    Ich denke, Hipster versuchen mit der eigenen äußerlichen Verwirklichung aus der Menge hervorzustechen. Anders zu sein als der Durchschnitt es vorgibt. Wird dadurch “Anders sein” zu einer Art Mode? Etwas, das zur Zeit angesagt ist? Wer entscheidet über Durchschnitt und Normalität? Wer entscheidet, wann etwas anders ist? Anders originell oder anders im Sinne von merkwürdig? Wer setzt die Grenzen zwischen mutigem Versuch und irrer Sinnlosigkeit?
    Wir alle sind Mitläufer. Wir kaufen die Elmex Zahnpasta nicht, weil wir wissen, dass sie gut ist, sondern, weil es viele Andere vor uns gemacht haben. Wir laufen den Anderen hinterher. Wir lassen uns die Entscheidung von ihnen nehmen. Um anders zu sein braucht man Mut und Stärke. Mut, Entscheidungen selbstständig zu treffen. Mut, die eigene Meinung zu vertreten.
    Doch es fühlt sich auch gut an, einer Gemeinschaft anzugehören. Man fühlt sich bestärkt und unterstützt. Denn mit Anders sein verbindet man immer gleich auch Einsamkeit. Niemand möchte auf Dauer einsam sein.
    Können wir nicht eine Gemeinschaft bilden und zusammenhalten ohne allgemein zu werden? Wie viel hat die eigene Meinung mit der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zu tun? Ist es denn unmöglich anders zu sein ohne Einsamkeit?
    Das Wichtigste, denke ich, ist sich selbst nicht zu belügen und nicht Ansichten zwanghaft zu verfolgen. Ich finde deinen Vergleich mit dem Seiltänzer sehr passend. Vielleicht ist es das Beste, wenn wir irgendwo dazwischen balancieren. Außerdem denke ich, dass wir irgendwo alle etwas anders und merkwürdig sind. Doch das ist es, was uns einzigartig macht.