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Trostfrauen – Das Wissen über das Unwissen

| 25.03.20143 Kommentare » Interessantes, Klasse, Veranstaltungen

Es gibt Dinge, die irgendwann jeder weiß oder wissen sollte. Multiple-Choice- Wissen. Zum Beispiel dass die Erde rund ist, dass es vier Jahreszeiten gibt oder dass 1+1 =2  ist. Vieles davon lernen wir in der Schule. Mittlerweile  wissen wir auch vieles über die Geschichte. Wie alles zu dem wurde, wie es heute ist. An jedem Tag wird Geschichte geschrieben. Doch nicht jeder Tag wird in einem Geschichtsbuch festgehalten. Eines aber ist klar: Die Geschichte von gestern und von vor hundert Jahren kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, ob es uns passt oder nicht.

Nun gibt  es mehrere Möglichkeiten, wie wir mit der Geschichte umgehen können.Wir können sie in Erinnerung behalten, sie verstehen und sie weitererzählen. Wenn sie uns nicht hilfreich ist und im Gegenteil sogar stört und behindert, können wir sie entweder vergessen oder so tun als ob, wir können sie verdrängen oder aus den Köpfen streichen, sodass nur noch ein durchgebranntes Loch im Stoff auf ein entflammtes Feuer hindeutet. Wenn die Geschichte nicht in unsere Prinzipien und in unsere Zukunftspläne passt, können wir sie auch nur teilweise erzählen oder sie gar mit Lügen zu einer ganz anderen, verwandelten Geschichte zurechtbasteln.

Die erste Möglichkeit, die Geschichte unverfälscht zu bewahren, ist aber wohl die beste. Denn wenn wir die Geschichte, welche zum Teil auch immer unsere eigene ist, nicht verstehen, werden wir in der Zukunft womöglich Fehler  wiederholen.

Am 7. März besuchten Nataly Jung-Hwa Han vom Korea-Verband e.V. und der japanische Fotograf  Tsukasa Yajima  unsere Schule. Sie berichteten uns von den sogenannten Trostfrauen. Einem Thema, von dem die meisten noch nichts gehört hatten, dabei ist es Teil der Geschichte. In dem Film “63 Years On…” wurden vier Frauen vorgestellt. Vier Zeitzeuginnen aus dem 2. Weltkrieg, die Opfer einer unvorstellbaren Brutalität und Unmenschlichkeit wurden. Sie waren gezwungen worden, sogenannte  Trostfrauen zu sein.

Trostfrauen sind/waren junge Frauen und Mädchen im Alter von 12-28 Jahren, die im 2. Weltkrieg in japanischen Kriegsbordellen zur Prostitution gezwungen wurden. Die japanische Führung  erhoffte sich durch diese in Bordellen oder “Trostzentren” organisierte, einfach zugängliche Prostitution eine bessere Moral  und eine höhere Leistungsfähigkeit bei den Soldaten. Die Frauen und Mädchen stammten aus China, Korea, Japan, Indonesien, Australien und den Niederlanden. Wie Äpfel am Baum, wie ein Angebot im Supermarkt, so konnten die Soldaten, nachdem sie in der Schlange angestanden hatten, sich ein Mädchen aussuchen.

Trostfrauen. Ein so unschuldiges Wort. Ein Wort, bei dem ein Gefühl der Geborgenheit, Zuneigung, Sicherheit und womöglich auch Hoffnung aufkommt. Ein so unpassendes Wort in diesem Gebrauch. Trost für die verletzten Kämpfer der Nation. Eine Ehre. Doch wer bietet Trost für die zum Trösten gezwungenen Mädchen und Frauen?

Tag und Nacht wurden die Mädchen und Frauen gezwungen “sexuelle Dienste” zu leisten, sie wurden auf brutalste Weise vergewaltigt, verprügelt und gefoltert. Dabei handelt es sich um junge Mädchen, fast Kinder noch, die mit solchen Dingen nie vorher in Berührung gekommen waren. Mädchen, die von einem Tag auf den anderen aus ihren alltäglichen Leben gerissen wurden.

Eine der Frauen erzählt in dem Film, dass sogar der Arzt, der die Frauen auf Geschlechtskrankheiten untersuchte und von dem sie dachte, dass er ein gebildeter und anständiger Mann sei, die Frauen vergewaltigte und während der Behandlung die Soldaten durch das Fenster zusehen ließ. Besonders diese Geschichte schockierte mich und ich kann es immer noch nicht fassen, dass Menschen zu solch einer Brutalität fähig sind.

Was führt einen Menschen zu solchen Taten? Hatten die Täter, die Soldaten, nicht auch Mütter, Schwestern, Tanten, Nichten, Frauen, Töchter…  Ich frage mich, was ich wohl über dieses Thema denken würde, wenn ich ein Junge wäre. Fühlte ich mich schuldig, verantwortlich, beschämt?  Tsukasa Yajima, der japanische Fotograf, fühlte sich schuldig für seine Vorfahren und so entschied er sich, überlebende Frauen in Korea zu besuchen und ihr Schicksal mit Hilfe seiner Fotografien öffentlich zu machen. So erhielten die  anonymen Opfer endlich Identitäten. Seine Fotopräsentation “Von Angesicht zu Angesicht” ist mit Liedern untermalt, die die porträtierten Frauen selbst singen. Das ist sehr ergreifend…

Viele der Frauen wurden damals schwanger, weil sich die Soldaten nicht an die Verhütungsregeln hielten, doch auch dann noch kamen die Männer zu ihnen. Wie hungrige Löwen, die allein ihr Ziel, ihr Verlangen im Sinn haben. Wenn es die Moral oder die Vernunft schon lange nicht mehr gibt.

Der Schmerz, den die Frauen und Mädchen erleiden mussten, ist so groß, so umfassend, so unvorstellbar. Ein Leid, das weder rückgängig zu machen noch entschuldbar ist. Schmerz und Leid sind nicht messbar. Sie können nicht mit Vorkommnissen und Zahlen abgewogen werden, denn dann müsste auch die Veranlagung und die emotionale Verkraftung eine Rolle spielen. Kann Schmerz eine Grenze haben? Kann unser Leiden auf eine Schmerzgrenze treffen oder findet das Ausmaß von Schmerz niemals ein Ende? Doch der Schmerz, den ich in meinem bisherigen Leben erlebt habe, kommt mir so viel kleiner vor als der dieser Frauen. Schwer zu deuten, nicht greifbar, unerheblich neben ihrem Leid. Beschämend, überhaupt Worte wie  Schmerz und Leid zu verwenden gegenüber einem so unsagbar viel schwereren, grausameren Schicksal.

Ich frage mich, wie die jungen Frauen und Mädchen nach Ende des 2. Weltkrieges weiterleben konnten. Denn plötzlich konnten sie wieder ihr Leben leben. Auf einmal wieder wirklich sein, wieder atmen. Doch war es das, was sie nun nach allem, was sie gesehen haben, nach allem, was ihnen widerfahren war, wollten? War es noch ihr Wunsch, mit demLeben weiterzugehen oder hatten sie es leid?  Denn was müssen sie in Gegenwart anderer Menschen, anderer Männer empfunden haben? Hass, Angst, Traurigkeit?

Die vier Frauen in dem Film sagten, dass sie sich schämten für das, was ihnen angetan wurde. Jahrzehnte lang schwiegen sie. Sogar die eigene Familie wusste oft nichts von den Schicksalen der Tochter, der Schwester, der Ehefrau, der Mutter oder der Großmutter. Dann, erst nach 60 Jahren, wurde das Schweigen von einer mutigen Frau aus Korea gebrochen und die Trostfrauen verlangten eine Entschuldigung. Sie wandten sich an die japanische Regierung, denn schließlich war es sie, die damals das Leid angerichtet hat.

Bis heute hat sich die japanische Regierung nicht anständig bei den tausenden Opfern der Zwangsprostitution im Zweiten Weltkrieg entschuldigt. Bis heute schweigt die Regierung  über die Geschichte der Trostfrauen. Womöglich vertrauen sie dem biologischen Gang der Dinge. So heißt es in einem Zeitungsbericht. Doch ist Schweigen nicht manchmal viel schlimmer als Lügen? Durch Lügen lässt sich etwas vermuten. Lügen können aufgedeckt werden. Unwissen ist schwer aufzudecken ohne das Wissen darüber. Die Tücher, die wir über die Wunden legen, können den Schmerz mindern, ihn betäuben und es leichter machen, ihn ein wenig zu vergessen. Doch heilen werden die Wunden dadurch nicht. Die Trostfrauen sind Teil der Geschichte. Teil der Vergangenheit. Teil der Gegenwart und Zukunft.

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Kommentare

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3 Kommentare zu „Trostfrauen – Das Wissen über das Unwissen“

  1. superzicke

    Das ist leider keine Geschichte der Vergangenheit oder die einer bestimmten Nation.
    Auch heute noch werden Mädchen und Frauen in Kriegssituationen gefoltert und vergewaltigt.
    Ich las einen Bericht über eine junge Frau. Ihr Dorf wurde ausgeraubt, ihr Vater vor ihren Augen getötet und ihre Mutter vergewaltigt. Sie und ihr Bruder wurden mitgenommen. Ihr Bruder wurde zu einem Kindersoldaten ausgebildet und musste fortan für diese Gruppe kämpfen. Ein Junge wagte einen Fluchtversuch und wurde daraufhin vor den Augen der anderen gefoltert und anschließend umgebracht. Als Abschreckung.
    Das Mädchen war schön. Deswegen wurde sie als private Frau für den Anführer missbraucht. Sie musste mit ihm Tag und Nacht verbringen, und die Nächte waren grausam. Er vergewaltigte, misshandelte sie. Sie wurde schwanger.
    Ihre Befreiung nach Monaten der Qualen kam. Die Gruppe musste fliehen, da feindliche Soldaten anrückten. Sie ließen das hochschwangere Mädchen und viele der jüngeren und kleineren Kindersoldaten zurück. Darunter war auch ihr Bruder. Sie wurden von den Soldaten mitgenommen und versorgt.
    Doch für die anderen ging der Alptraum weiter. Nicht alle wurden zurückgelassen. Doch es waren zu viele. Sicher haben sie neue Kindersoldaten ausgebildet und neue Mädchen und Frauen für ihre sexuellen Triebe entführt und missbraucht.

  2. Smileymiley

    Selbst jetzt, wenn ich diesen Artikel nur lese und an die Veranstaltung erinnert werde, bekomme ich eine Gänsehaut. Ich frage mich, was die armen ” Trostfrauen” fühlen oder denken, wenn sie immer wieder daran erinnert werden. Doch eine Frage, die ich mir auch immer wieder stelle, was ist mit den Tätern? Damit meine ich nicht die Regierung, sondern die Soldaten; haben sie sich entschuldigt oder fühlen sie sich schuldig? Ich hoffe, dass sich die Regierung in naher Zukunft entschuldigt und diesen Teil ihrer Geschichte akzeptiert und dafür sorgt, dass so etwas nie wieder passiert. Ich hoffe…

  3. kiwi

    In der Vergangenheit hat jede Nation Fehler gemacht. In keiner Geschichte eines Landes wird man nur korrekte und ethisch richtige Handlungen finden. So war das in der Vergangenheit und so wird das auch in Zukunft sein. Deutschland ist ein sehr treffendes Beispiel. Die “Deutschen” sind wahrscheinlich für zwei von zwei Weltkriegen verantwortlich, und alleine in der Zeit des Nationalsozialismus wurden über 6 Millionen Juden grundlos umgebracht.
    Es sind schlimme Taten, keine Frage. Aber muss ich mich dafür schämen, was meine Vorfahren getan haben?

    Nein, das muss ich nicht. Ich kann nichts dafür, was geschehen ist, bevor ich überhaupt auf der Welt war. Allerdings muss ich mir darüber klar sein, was meine Vorfahren gemacht haben. Denn nur die schönen Geschichten von meinen Urgroßvätern und Müttern zu kennen, ist auch nicht richtig. Es ist viel schlimmer nicht zu wissen, was passiert ist. Man kann sich nur eine richtige Meinung bilden, wenn man ALLES weiss.

    In Japan ist das so. Das Thema wird verdrängt. In den Schulbüchern steht nichts dazu. Ein Großteil der Menschen weiß nichts davon. Es ist traurig, dass eine Nation, obwohl es Beweise gibt, so etwas verschweigt. Einmal die Woche finden Proteste statt, in denen es nur darum geht, dass die Regierung sich öffentlich bei den noch lebenden Trostfrauen entschuldigt. Trotzdem, heisst es, das ist nicht passiert.