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Elfriede Brüning – Die älteste Autorin Deutschlands zu Gast bei uns

| 19.03.20142 Kommentare » Interessantes, Klasse

Fünf Staatsformen, fünf verschiedene Welten. In ihren 103 Lebensjahren erlebte Elfriede Brüning das Kaiserreich, den 1. Weltkrieg, die Weimarer Republik, Hitlerdeutschland, den 2. Weltkrieg, die deutsche Teilung und schließlich die Wiedervereinigung. Am 5. Dezember 2013 besuchte die Journalistin und Schriftstellerin unsere Schule, um uns an ihrer Erfahrung und Lebensweisheit teilhaben zu lassen.

Schon als Kind war es ihr größter Wunsch Autorin zu werden, denn sie liebte es zu lesen und zu schreiben. Zu jener Zeit war es jedoch für Frauen und Mädchen schwierig überhaupt berufstätig zu sein. Denn das Frauenbild sah anders aus; Frauen hatten die Aufgabe zu kochen, zu putzen und sich um die Kinder zu kümmern. Doch trotz allem hat die junge Elfriede es schon früh geschafft sich in einer Männerwelt durchzusetzen. Dabei halfen ihr der Wille zum Erfolg, ihr Talent und ihr Fleiß und auch mal Raffinesse, worüber sie freimütig berichtete.

Über den Bund proletarischer Schriftsteller kam Frau Brüning in Kontakt mit revolutionären Ideen. Sie wurde Mitglied der kommunistischen Partei. Ihre Ideale waren (und sie sind es bis heute) Gerechtigkeit und Chancengleichheit für die Arbeiter, für die unterdrückten Schichten der Gesellschaft. Sehr bald war sie deshalb im Widerstand gegen das Hitler-Regime. Nach der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 wurden die Mitglieder des Bundes verfolgt. Sie konnten nur noch im Ausland ihre Schriften veröffentlichen. Elfriede Brüning übernahm dafür Kurierdienste nach Prag und schmuggelte Texte raus aus Deutschland. Als ihre Gruppe verraten wurde, musste auch sie ins Gefängnis. Einige von Elfriede Brünings Freunden und Kampfgefährten aus jener Zeit wurden mit einem Straßennamen geehrt; zum Beispiel gibt es in Berlin die Otto-Braun-Straße und die Jan-Petersen-Straße.

Nach dem Krieg lebte Frau Brüning in der DDR. Sie wollte dabei helfen, ein besseres Deutschland zu gestalten. Dafür scheute sie auch nicht Konflikte und Auseinandersetzungen mit den Machthabern. Viele ihrer kritischen Artikel und Reportagen wurden in der DDR nicht veröffentlicht. Als die Mauer fiel, war sie voller Hoffnung, dass aus beiden deutschen Staaten nun ein besseres Deutschland entstehen könnte. Sie musste erleben, wie die DDR-Literatur erst einmal aus den Buchläden verschwand und teilweise eingestampft wurde.  Die Autorin empfand das wie eine zweite Bücherverbrennung. Heute nun werden auch Elfriede Brünings Werke wieder gedruckt.

Nach ihrer Meinung befragt, was denn das Wichtigste im Leben sei, lautete ihre Antwort: „Das Wertvollste ist, neben einem gesunden Körper, eine Arbeit, die Befriedigung gibt. Sie kann beglückender sein als die Liebe, ist beständiger als die Leidenschaft und niemals so quälend wie die Eifersucht.“

Die Lesung mit Elfriede Brüning war aufschlussreich und gab Denkanstöße. Vieles war neu, besonders für die jüngeren Zuhörer unter uns. So hatten wir noch nie etwas vom Prager Frühling gehört und von den Hoffnungen, die sich damit auch in der DDR verbanden.

Als Carlotta der Autorin zum Abschluss den Kunstkalender unserer Schule mit den Worten überreichte, dass wir ihr Ende 2014 gerne die nächste Ausgabe schenken werden, musste Elfriede Brüning lachen. Soweit es ihre Gesundheit erlaubt, wird Frau Brüning auch in Zukunft aus ihren Büchern lesen und aus den Erfahrungen einer 103-jährigen Zeitzeugin berichten.

Kommentare

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2 Kommentare zu „Elfriede Brüning – Die älteste Autorin Deutschlands zu Gast bei uns“

  1. kiwi

    Diese Lesung war etwas ganz Besonderes. Schon alleine die Tatsache, dass die Autorin über hundert Jahre alt ist, sowohl den 1. als auch den 2. Weltkrieg überlebt hat, ist für mich schon ein Grund, diese Lesung als außergewöhnlich zu bezeichnen.
    Frau Brüning hat in ihrem Leben bereits mehr als 30 Bücher veröffentlicht; das ist mehr, als manch einer überhaupt gelesen hat.
    Mich hat beeindruckt, wie wortgewandt und fit die alte Dame noch ist und wie gut sie sich an Details ihres Lebens erinnern kann. Mir fällt es oft schon schwer, mich daran zu erinnern, was ich gestern zum Abendbrot gegessen habe, und sie konnte sich noch an so viele Einzelheiten erinnern.
    Jeder, der so alt wird, kann nur hoffen, dass er dann noch genau so fit wie sie ist. Dann macht das Leben auch mit über hundert Jahren noch Spaß.

  2. flottylotty

    Man sitzt nicht oft einem Menschen gegenüber, der schon länger als ein ganzes Jahrhundert auf der Erde lebt. Während der Lesung mit Frau Brüning dachte ich mir immer wieder: Sie ist 100 Jahre alt!
    Man verspürt sofort großen Respekt vor so einer Persönlichkeit. Doch nicht allein ihr Alter macht sie so interessant. Besonders Frau Brünings Geschichte ist beeindruckend, weil in ihr so viele verschiedene Etappen stecken.
    In Geschichtsbüchern ist immer die Rede von der Geschichte. In Worten, Zahlen und Fakten gefasst. Auf Papier. Durch Frau Brüning ist all das noch viel reeller geworden. Nicht mehr nur auf dem Papier. Sie hat es wirklich miterlebt. Es ist eindeutig die Wahrheit.
    Wir Menschen sind nur winzige Teile in der Geschichte. Winzige Körnchen in der ganzen Welt. Erst zusammen bilden wir möglicherweise Sandburgen. Auch das nur manchmal. Doch Frau Brünings Anteil in der Geschichte, Teil vom Bau einer Sandburg, ist sehr viel umfangreicher und beeindruckender als der Teil, den wir bisher ausmachen.
    Wenn wir in hundert Jahren noch leben würden und wir säßen vor um Jahre jüngeren Menschen, die mit großen Augen zu uns aufsehen, von was würden wir erzählen? Von was wären wir Zeitzeugen? Welche Ereignisse könnten wir bezeugen? Welche Geschichte würden wir reeller machen, verkörpern?