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Eine Weihnachtsgeschichte aus dem Sommer

| 19.12.20133 Kommentare » Klasse

Seine schmutzige Kleidung fällt an ihm herab wie ein Sack. Grau, braun, fahl. Nur über seinen Bierbauch spannt sich das Oberteil ein wenig. Die Haut des Mannes ist braun gebrannt von der Sonne und schlaff, seine grauen Haare stehen struppig von seinem runden Kopf ab.
Er lässt sich auf einen prallen Rucksack nieder. Ebenfalls grau,braun, fahl und zerschlissen. Der Mann legt den Kopf in die eine Hand. Die andere umfasst einen Kaffeebecher aus Plastik. Der Becher wackelt. Auffordernd nickt er den vorübergehenden Passanten zu. Doch sie gehen an ihm vorbei ohne auf ihn zu achten, ohne auf seine Worte, die er zu ihnen spricht, zu hören.

Sie denkt: „Wir gehen zum See, nicht an die Seine, und wir waschen deine Sachen, deine Kleidung. Wir schmeißen sie aber nicht weg, obwohl sie so verschlissen sind, denn du kannst sie noch gebrauchen. Ich kaufe ein Ticket fürs Schwimmbad, damit du duschen kannst. Dann gehen wir in einen Anzugladen und kaufen dir ein weißes Hemd -gebügelt mit Kragen- dazu auch ein schwarzes Jacket und schwarze Hosen. Wir brauchen noch Schuhe und wir nehmen die braunen aus echtem Leder, die sind gut! Jetzt nur noch die Fliege- die dort, die blau-weiß gepunktete. Ah ja, jetzt bist du schick.“

Das Mädchen hüpft die Stufen hinunter-fast fliegt sie. Die dunklen geflochtenen Zöpfe tanzen im Wind. Dann steht sie vor dem Mann, der seinen Kopf  nach unten gerichtet hat und sagt sanft, aber bestimmt “ Bonjour Monsieur“.
Der alte Mann hebt langsam den Kopf und blinzelt in die Sonne. Das Mädchen sieht ihm in die kleinen Augen. Augen, die nicht strahlen, sondern mit der Zeit in sich selbst versunken sind, klein wurden, weil sie nichts Gutes mehr gesehen und erfahren haben. Dann guckt sie auf ihre umgedrehte geschlossene Faust. Der Mann folgt ihrem Blick und das Mädchen öffnet ihre Hand. Sie legt das Geld in den leeren Kaffeebecher aus Plastik.
Die Augen des Mannes weiten sich und werden größer. Er freut sich. Er freut sich riesig.

Noch während der Mann sich bei ihr bedankt und ein Gebet für das Mädchen spricht,  nickt sie ihm zu „ Au revoir Monsieur!“ und dreht sich um. Sie versteht nicht, was er sagt, denn sie spricht kein Französisch, aber sie kann es sich denken. Das Mädchen fliegt die Treppen hinauf und strahlt mit der Sonne um die Wette.

Kommentare

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3 Kommentare zu „Eine Weihnachtsgeschichte aus dem Sommer“

  1. kiwi

    Letzens fuhr ich mit der S-Bahn, als ein Obdachloser einstieg.

    Er ging durch den Wagon und bat den Leuten seine zeitschrift an. Diese ignorierten ihn. Es war als wäre er gar nicht da. Als der Mann vor den Menschen stand, sahen sie weg, kein “nein danke ich möchte nichts kaufen”, nichteinmal ein Kopfschütteln rangen sie sich ab. Ich beschloss ihm eine Zeitschrift abzukaufen. Der Mann nahm mein Geld, brummte irgendetwas und drückte mir ein Exemplar in die Hand, dann stieg er aus.

    “Jeden Tag eine Gute Tat”!

  2. www

    In der Schlossstraße sitzen viele Obdachlose auf dem Boden und betteln um Geld. Wenn ich sie sehe, bekomme ich Schuldgefühle, da ich alles habe und sie nicht einmal etwas zu essen. Meistens sehe ich Frauen mit ihren Kindern oder Männer mit ihren Hunden. Immer bin ich kurz davor ihnen ein bisschen Geld zu geben, doch immer wieder hindert mich ein Gedanke daran. Ich bin mir nicht sicher, ob das wahr ist oder nur Schauspielerei. Ich finde es ehrlich gesagt ziemlich unverschämt, dass manche Menschen so etwas vorspielen nur um leicht an Geld ranzukommen!

  3. a-star

    Auf S-Bahn Fahrten sind, wie kiwi bereits erwähnt hat, oft Obdachlose aufzufinden. Sie verkaufen ihre Zeitung und erhalten manchmal von einigen Personen eine kleine Spende. Die traurige Sache dabei ist, dass einzelne von den Obdachlosen nach dem Aussteigen zielstrebig zum nächsten Kiosk laufen, um sich Zigaretten oder Alkohol zu kaufen. Wenn man schon so gut wie nichts hat, sollte man das, was man bekommt, zu schätzen wissen. Trotzdem müssen wir ihnen, wie auch jedem anderen Menschen, den Respekt zeigen, den sie verdienen.